Schizophrene Psychosen

Bei Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis geht es besonders in akuten Krankheitsphasen in Pflege und Therapie oft um eine zeitweilige Übernahme von Hilfs-Ich-Funktionen und um die Schaffung einer äußeren Struktur, um eine destabilisierende Regression zu vermeiden, dem Patienten ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln und Angst zu reduzieren. Diese äußere Struktur, die auf der Station und bei Belastungserprobungen zu Hause am Wochenende oft in Form von Tagesplänen hergestellt wird, sollte sich möglichst am gewohnten Leben der Patienten orientieren.

Bei praktizierenden Muslimen wird der Tag eher durch die Gebetszeiten als durch die Mahlzeiten oder Schlafenszeiten strukturiert. Es ist gut möglich, dass sich Patienten bei drohender psychotischer Desintegration vermehrt am Islam orientieren, der als Lebensweise Halt geben und dadurch therapeutisch wirksam werden kann, wie es H. Ayhan (2007) beschreibt.

Im Umgang mit diesen Patienten ist beim Helfer ein hohes Maß an Sensibilität und Offenheit gefordert, den Islam als mögliche stabilisierende Ressource für den Patienten wahrzunehmen und nicht als Integrationshemmnis, von dem es ihn zu befreien bzw. vor den es ihn zu bewahren gilt – nach dem Abklingen der akuten Krankheitsphase wird der Patient ohnehin wieder einen freien, eigenverantworteten Umgang mit diesem Thema entwickeln.

Helfer stehen hier oft vor schwierigen Problemen, da sie bei muslimischen Psychotikern möglicherweise mit Verhaltens- und Erlebnisweisen konfrontiert werden, die bezüglich ihrer »Normalität« schwer einzuschätzen sind. Sich von einem Dschinn besessen und körperlich beeinflusst zu erleben kann eine kulturspezifische Krankheitsverarbeitung, aber auch ein coen-ästhetisches Symptom sein. Plötzliches und andauerndes Aufsagen religiöser Formeln kann geradezu der Versuch der Stabilisierung mithilfe von Zwangshandlungen sein, aber auch ein Gottesgedenken (arab. D. ikr) in Form freier Gebetsformeln, wie sie etwa nach dem Ritualgebet oft verrichtet werden.

In solchen Situationen ist die Beurteilung der Situation durch einen in seiner Religion bewanderten und praktizierenden Muslim hilfreich und wichtig. Dabei ist zu beachten, dass sich türkische oder arabische Kollegen, die sich zwar durchaus als Muslime verstehen und eventuell Spezialisten für Migrationsfragen sind, sich im Islam deswegen aber nicht zwangsläufig auskennen, vor allem, wenn sie ihre Religion nicht oder nur wenig praktizieren.

Psychotischen Patienten geht ähnlich wie Manikern in vielen Situationen das Gefühl für ein realistisches und angemessenes Verhältnis von Nähe und Distanz verloren. Hier gilt es – im Rahmen der rechtlichen und therapeutischen Möglichkeiten (Einweisung, Medikation) – frühzeitig einzugreifen, besonders bei Problemen im Umgang mit dem anderen Geschlecht, da das soziale Umfeld des Patienten bei weitem nicht immer das Verständnis aufbringt, das vom Krankheitsbild her angebracht wäre und woraus sich bei Muslimen erhebliche Schwierigkeiten ergeben können.

Bei praktizierenden Muslimen sollten Helfer auf den Islam als strukturierendes Element des Alltagslebens zurückgreifen. Das betrifft vor allem die Gebetszeiten, aber auch Hygienevorschriften (Duschbad, Schamrasur und Kürzen der Fingernägel in bestimmten Zeiträumen, Reinigung auf der Toilette) und saubere Kleidung.

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Malika Laabdallaoui: Dipl.-Psychologin und systemische Paar- und Familientherapeutin, ist Deutsche marokkanischer Abstammung und arbeitet in eigener Praxis in Rüsselsheim.

S. Ibrahim Rüschoff: Psychiater und Psychotherapeut und nach langjähriger oberärztlicher Tätigkeit in der Psychiatrie als Ärztlicher Psychotherapeut niedergelassen. Er leitet die Islamische Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe und ist Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland.

Text von Malika Laabdallaoui, und S. Ibrahim Rüschoff aus: Umgang mit muslimischen Patienten. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2009