Sucht

Suchterkrankungen stellen für Muslime ein besonderes Problem dar, weil im Islam jegliche Suchtstoffe verboten sind. Das gilt nicht nur für Alkohol und Drogen, sondern regional auch für den Tabakgenuss.

Während man in der türkischen Teestube einer Moschee manchmal kaum die Hand vor Augen sehen kann, ist das Rauchen zum Beispiel bei Marokkanern sehr verpönt. Teilweise üben Eltern besonders auf pubertierende und junge erwachsene Töchter erheblichen Druck und Kontrolle aus, wenn sie diese beim Rauchen erwischen.

Während der Alkoholgenuss bei praktizierenden Muslimen im Allgemeinen kein besonders häufiges Problem darstellt, ist der Drogenkonsum auch von Kindern (überwiegend jugendlichen Söhnen) frommer Familien nicht so selten. Für die Eltern ist diese Tatsache regelmäßig ein großer Schock. Sie versuchen eine Lösung innerhalb der Familie zu finden, reagieren oft mit massiver Kontrolle und neigen dazu, ihre Kinder für längere Zeit in die alte Heimat zu Verwandten zu schicken, um sie vom hiesigen Milieu zu trennen.

Des Öfteren werden auch stationäre Behandlungen in den Sommerferien im Herkunftsland der Eltern organisiert, die aus fachlicher Sicht allerdings sehr kritisch zu beurteilen sind. Manche Familien versuchen die Betreffenden zu verheiraten, und zwar in der Hoffnung, dass sie die neue Verantwortung zur Vernunft bringen wird. Alle derartigen Lösungsversuche sind höchst problematisch und der Versuch einer Verheiratung auch moralisch höchst verwerflich.

Wegen der starken Stigmatisierung sollte eine Vermittlung zur Sucht- oder Drogenberatung sehr umsichtig geschehen.

Spielsucht von Familienvätern kann ein besonderes Problem darstellen, da diese sich wegen ihrer traditionellen Machtstellung Kontrollen massiv widersetzen und gewisse Beträge mit Erfolg auch von erwachsenen Kindern einfordern. Die Familie verleugnet und erträgt das Problem oft lange Zeit, bis sich endlich jemand zu Maßnahmen entschließt oder sich vom Druck der Situation dazu gezwungen sieht. Vor allem die Anregung einer Betreuung in finanziellen Angelegenheiten kommt einer Revolution gegen den Vater gleich, der manchmal heftig reagiert. Daher sollte sich in einem solchen Fall der Betreuer zwar im religiös-kulturellen Milieu der Familie auskennen (der Islam verbietet das Glücksspiel), möglichst nicht aus dieser stammen und seiner Tätigkeit konsequent, aber diskret nachkommen, um eine unnötige Beschämung aller Beteiligten zu vermeiden. Es geht hier auch um den Schutz der anderen Familienmitglieder.

Suchterkrankungen stellen für praktizierende Muslime wegen des religiösen Verbotes von Alkohol, Drogen und Glücksspiel ein besonderes Problem dar. Ein therapeutisches Vorgehen sollte wegen der möglichen Rufschädigung besonders umsichtig erfolgen.

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Malika Laabdallaoui: Dipl.-Psychologin und systemische Paar- und Familientherapeutin, ist Deutsche marokkanischer Abstammung und arbeitet in eigener Praxis in Rüsselsheim.

S. Ibrahim Rüschoff: Psychiater und Psychotherapeut und nach langjähriger oberärztlicher Tätigkeit in der Psychiatrie als Ärztlicher Psychotherapeut niedergelassen. Er leitet die Islamische Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe und ist Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland.

Text von Malika Laabdallaoui, und S. Ibrahim Rüschoff aus: Umgang mit muslimischen Patienten. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2009