Sport- und Entspannungstherapie

In der psychiatrischen Arbeit haben körper- und leibbezogene Therapieelemente vor dem Hintergrund eines ganzheitlichen Menschenbildes einen hohen Stellenwert und sind natürlich auch für muslimische Patienten im Rahmen ihrer Therapie unverzichtbar. Gleichzeitig spielt hier das Schamgefühl eine große Rolle und bestimmt das Verhalten der Beteiligten in einem hohen Maß.

Aus der öffentlichen Diskussion um den schulischen Schwimm- und Sportunterricht ist bekannt, dass viele praktizierende Muslime derartige gemischtgeschlechtliche Aktivitäten ablehnen. Entgegen dem allgemeinen Eindruck gilt das sowohl für Frauen als auch für Männer.

In Städten mit starken muslimischen Minderheiten existieren daher in manchen Schwimmbädern getrenntgeschlechtliche Schwimmzeiten, die intensiv nicht nur von Muslimen genutzt werden. Für diese Zeiten ist sichergestellt, dass die Geschlechter jeweils ganz unter sich sind, wozu auch die Badeaufsicht oder Reinigungskräfte zählen. Unter diesen Bedingungen ist auch für muslimische Patientinnen und Patienten grundsätzlich eine Teilnahme zumutbar. Frauen tragen beim Schwimmen Ganzkörperbadeanzüge (»Burkini«), Männer tragen Hosen, die vom Nabel bis kurz über die Knie reichen.

Bei der Krankengymnastik, beim therapeutischen Sport oder bei Spielen sind die Grenzen des Zumutbaren weniger eindeutig. Die Situationen reichen von einer »Hockergymnastik« in einer gerontopsychiatrischen Gruppe über Dehn- und Streckübungen oder gemeinsamem Joggen bis hin zu Mannschaftsspielen.

Viele Muslime empfinden ein starkes Unbehagen bei dem Gedanken, bei Bewegungen und Aktivitäten, bei denen sich auch bei weiter Kleidung Körperteile abzeichnen können (Brust, Gesäß oder männliche Geschlechtsorgane), von Mitgliedern des anderen Geschlechts beobachtet zu werden. Gleiches gilt für das Liegen auf dem Boden bei Entspannungsübungen.

So berichtete eine Patientin, dass ihr das »Radfahren« in Rückenlage auf dem Boden äußerst unangenehm gewesen sei, da sich mehrere Männer, darunter auch ein türkischer Landsmann, in der Gruppe befunden hätten. Notwendige Hilfestellungen (Körperkontakt mit Anfassen) durch den Therapeuten oder die Therapeutin sind ein weiteres Problem.

Diese Schwierigkeiten treten in gleichgeschlechtlichen Gruppen nicht auf. Auch Massage sollte nur gleichgeschlechtlich an den Patientinnen und Patienten durchgeführt werden.

Noch problematischer gestaltet sich die Situation bei leib- und bewegungsbezogenen Therapieformen wie der Konzentrativen Bewegungstherapie (KBT). Gegenseitiges Sich-an-den-Händen-Halten, Nacken oder Kopf massieren, Gehen durch den Raum mit geschlossenen Augen oder auch jede andere Möglichkeit von Körperkontakt zum anderen Geschlecht erzeugen bei praktizierenden Muslimen eine Abwehrhaltung und Anspannung durch die ständigen Versuche, diesen zu vermeiden.

Daher sollten diese Punkte bei einer Therapieplanung unbedingt beachtet und mit den Patienten besprochen werden, zumal sich die meisten vermutlich nicht offen verweigern, sondern anderweitig auszuweichen versuchen (durch Fehlen, körperliche Beschwerden etc.). Gegebenenfalls ist zu überlegen, ob dem Patienten eine Einzelbehandlung angeboten werden kann, wenn keine getrenntgeschlechtlichen Aktivitäten möglich sind.

Bei den genannten Problembereichen geht es nicht darum, bewährte Konzepte in der Klinik zu verändern, sondern eine Sensibilität gegenüber den Normen und Werten muslimischer Patienten zu entwickeln und sich wie bei anderen Patienten auch um individuelle Lösungen zu bemühen.

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Malika Laabdallaoui: Dipl.-Psychologin und systemische Paar- und Familientherapeutin, ist Deutsche marokkanischer Abstammung und arbeitet in eigener Praxis in Rüsselsheim.

S. Ibrahim Rüschoff: Psychiater und Psychotherapeut und nach langjähriger oberärztlicher Tätigkeit in der Psychiatrie als Ärztlicher Psychotherapeut niedergelassen. Er leitet die Islamische Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe und ist Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland.

Text von Malika Laabdallaoui, und S. Ibrahim Rüschoff aus: Umgang mit muslimischen Patienten. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2009