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Bergen die virtuellen Welten der Chatrooms im Internet und die Ballerspiele am Computer neue Gefahren oder sind sie nur moderne Multiplikatoren bereits bekannter psychischer Probleme? Hat man es hier mit einer neuen Sucht zu tun oder verlagern sich lediglich bereits bekannte Abhängigkeitsformen auf eine neue Ebene? Haben Cyberspaceaktivitäten überhaupt eine klinisch-psychiatrische Dimension oder liegen die Ursachen im rein sozialen und gesellschaftlichen Kontext?
Diesen Fragen möchte Dr. Bert te Wildt an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) nachgehen. Der Assistenzarzt in der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie sucht für seine Untersuchung zum Zusammenhang psychischer Störungen mit abhängigem Mediennutzungsverhalten noch Betroffene.
Drei bis sieben Prozent sind abhängig
Etwa drei bis sieben Prozent der Internetnutzer gelten als abhängig. Haben sie deswegen automatisch ein psychisches Problem und wenn ja, lässt es sich in ein bekanntes Schema fassen? Gibt es einen Leidensdruck? Liegt hier überhaupt eine neue Suchtform vor? Bert te Wildt spricht im Zusammenhang unkontrollierter Mediennutzung jedenfalls ungern von Sucht. Für den Assistenzarzt gehört zur Suchtdiagnose nicht zuletzt die körperliche Komponente. Für seine geplante Studie verwendet er daher lieber den Begriff der Abhängigkeit.
Bert te Wildt vermutet, dass Patienten mit gestörtem Mediennutzungsverhalten unter bereits bekannten psychischen Erkrankungen leiden und sich die Symptome nur von der realen in die virtuelle Ebene verlagern. Das Cyberspace mache es leicht, Grenzen der Identität auszuloten und könne so zum Auslöser oder Kompensationsmittel bereits vorhandener Störungen werden, vermutet der 35-Jährige. Seine Hypothese: "Man muss keine neuen Krankheiten erfinden, um Internetabhängigkeit oder exzessives Computerspielen zu diagnostizieren und zu therapieren. Dazu gehört auf jeden Fall eine gestörte Impulskontrolle." Menschen mit Angststörungen und multiplen Persönlichkeitsstörungen sowie Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung scheinen nach den ersten Erkenntnissen von te Wildt besonders anfällig dafür zu sein, sich in virtuellen Welten zu verlieren.
Schnittstelle zwischen realer und virtueller Existenz
Aufgrund der Anonymität erhalten die Symptome aber einen neuen und womöglich gefährlicheren Charakter. Die immer mehr verschwimmende Schnittstelle zwischen realer und virtueller Existenz macht die besondere psychische Dimension der Computerwelt aus. "Die Rückfälle in die Realität können depressive Stimmungen auslösen und die Entladung kann durchaus gefährlich werden", erläutert te Wildt. Die Anonymität am PC - egal ob im Chat oder beim Computerspiel - erschwert gleichzeitig auch die Hilfe. Eine junge Frau, die sich täglich zwölf Stunden ins virtuelle Rollenspiel vertiefte, fiel nur dadurch auf, weil ihre Wohnung zunehmend verwahrloste und sie eine Räumungsklage erhielt, berichtet te Wildt. Ein anderer Patient kam erst, als die "Telekom ihm wegen nicht bezahlter Rechnungen den Saft abdrehte." Grundsätzlich geht er von multikausalen Zusammenhängen aus. "Allein durch das Anschauen von gewalttätigen Videos zum Beispiel wird niemand zum Amokläufer. Da müssen noch mehrere Faktoren, etwa biographische oder biologische, dazu kommen."
Fest steht für den MHH-Mitarbeiter aber bereits jetzt, dass Cyberspacekommunikation und Computerspiel zwei Paar Schuhe sind und die unterschiedlichen Inhalte eine große Rolle spielen. Daher sucht er für seine Untersuchung auch eine gewisse Anzahl von Probanden, um Vergleichsgruppen bilden zu können. 15 Patienten hat te Wildt bereits gefunden, die sich an der Studie beteiligen, weitere 54 würde er gerne dazu gewinnen. "Wir suchen Menschen, die bei der Nutzung neuer Medien - egal ob Fernsehen, Internet oder Videospiel - psychische Störungen entwickeln. Dazu zählen Identitätsverluste durch Chatten oder Rollenspiele, emotionale Verhaltensauffälligkeiten durch Computer- oder Videospiele sowie Abhängigkeitssymptome bei der Internetnutzung."
Telefonische Rückfragen und Anmeldungen aus allen Bundesländern nimmt Bert te Wildt unter Tel.: (511) 532-3179 und -3167 entgegen. Zunächst wird geprüft, ob die Interessenten überhaupt für die Studie in Frage kommen. Anschließend erhalten sie einen Fragebogen zugeschickt. Außerdem müssen sie bereit sein, einmal zur näheren Untersuchung nach Hannover zu kommen. Allen Teilnehmern wird nach der Diagnose ein Beratungsgespräch über die Möglichkeiten therapeutischer Hilfe angeboten.
Jens Riedel
Quelle: Der Eppendorfer 6/2005
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