Die Diagnose

Die Diagnose "Borderline-Störung" ist ein insgesamt junger Begriff, der zudem einer Reihe von Veränderung unterworfen war. Die Störung, die heute mit diesem Begriff beschrieben wird, ist hingegen schon lange bekannt. Bereits im 17. Jahrhundert wurde von dem Arzt T. Sydenham von Menschen berichtet, die durch ihre außerordentliche "Launenhaftigkeit" auffielen.

Sie würden ohne jedes Maß jene lieben, die sie alsbald ohne jeden Grund hassen würden; die außerordentlichen Aufregungen des Geistes dieser Kranken entstünden, so Sydenham, aus plötzlichen Ausbrüchen von Wut, Schmerz, Angst sowie ähnlichen Emotionen.

Weitere Symptome

Die diagnostischen Kriterien geben selbstverständlich nicht die Vielzahl der Symptome wieder, die im Rahmen einer Borderline-Störung auftreten können. So sind beispielsweise die vielen körperlichen Beschwerden nicht benannt. Typisch ist das Gefühl innerer Hochspannung, die Unfähigkeit, sich zu entspannen, und das Gefühl, den eigenen Körper als fremd und unwirklich zu erleben. Dabei kann das Körpergefühl durchaus wechseln.

Andere Symptome hängen mehr mit den emotionalen Problemen im Rahmen einer Borderline-Störung zusammen. So leiden viele unter Angstzuständen, immer wiederkehrenden depressiven Verstimmungen, Schuld-, Scham- und Ekelgefühlen, aber auch an der Unfähigkeit, der Situation angemessene Gefühle überhaupt wahrzunehmen.

Viele Symptome der Störung zeigen sich im Selbstbild. In der Regel zeigt sich ein mangelndes Selbstwertgefühl, die Betroffenen erleben sich als Versager und machen sich Vorwürfe. Aber auch das Denken ist spezifisch von der Störung geprägt. Auffällig ist die Neigung zum so genannten Schwarz-Weiß-Denken, die Tendenz zu entwerten und zum Pessimismus. Die vielen sozialen Probleme im Rahmen der Erkrankung können zu einem relativen sozialen Rückzug beitragen und die Abhängigkeit von wenigen sozialen Bezugspersonen erhöhen.

Gerade selbstschädigendes Verhalten bringt viele Betroffene schon früh in Kontakt mit der Polizei, mit der Medizin und Psychiatrie. Oft ist der Kontakt unfreiwillig und es fällt den meisten daher schwer, die angebotenen Hilfen anzunehmen. Auch der Missbrauch von Drogen und Alkohol kann die Situation zusätzlich belasten.

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Die Entwicklung des Borderline-Begriffes

Gerade am Begriff der Borderline-Störung sind die Änderungen der psychiatrischen Diagnostik exemplarisch nachzuvollziehen und damit auch der Ideengeschichte psychiatrischen und psychotherapeutischen Denkens. Für den Betroffenen, nicht selten aber auch für den professionell Tätigen, führt diese wechselhafte Bedeutung des Begriffs jedoch oft zur Verwirrung. So lassen sich regelrechte Wellen beschreiben, in denen der Begriff beinahe inflationär gebraucht wurde. Daraus entstehen auch Variationen des Begriffes, wie Borderline-Organisation, Borderline-Psychose und Ähnliches.

Seine Wurzel hat der Begriff im Wesentlichen in der Psychoanalyse und in der klassischen Psychopathologie. In der klassischen psychiatrischen Krankheitslehre wurden seelische Krankheiten unten den Oberbegriffen organisch begründbare Erkrankungen, Geisteskrankheiten (die Psychosen), entwicklungsbedingte Erkrankungen (die Neurosen) und Persönlichkeitsstörung (Psychopathien) zusammengefasst. Bei den Psychosen wurden später noch die Schizophrenien von den manisch-depressiven Erkrankungen unterschieden.

An dieser klassischen Unterteilung orientieren sich viele Psychiater bis heute. Da seelische Krankheiten sehr verschiedenartig sein können, fanden sich anhand dieser Unterteilung eine Reihe von Zwischenformen. So lag der Gedanke nahe, dass es auch zwischen den schizophrenen Psychosen und den Neurosen Zwischenformen gibt. Gerade in den siebziger und achtziger Jahren wurde der Borderline-Begriff als Sonderform der schizophrenen Psychose verstanden.

Der Borderline-Begriff in der Psychoanalyse entwickelte sich aus einer differenzierten Betrachtung des Hysterie-Konzeptes. Durch den umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes "Hysterie" wird dieser Begriff heute in der Fachwelt nur noch selten verwendet. Ursprünglich wurden damit vor allem Störungen benannt, die durch emotionale Konflikte ausgelöst werden.

Ein weiterer Schwerpunkt psychoanalytischer Betrachtungen sind Vorstellungen, wie bei einem Menschen ein Bild von sich und anderen entstehen. Diese Überlegungen werden gemeinhin unter dem Begriff "Objekttheorie" oder "Ich-Psychologie" in der Fachwelt diskutiert.

Auf der Grundlage der Psychoanalyse haben vor allem die Beziehungen zu den primären Bezugspersonen, also in der Regel Vater und Mutter, die größte Bedeutung. Aus diesen Überlegungen heraus entstand die Vorstellung, dass die Symptome der Borderline-Störung vor allem mit Unzulänglichkeiten bei der Entwicklung innerer und äußerer Objektbilder zu erklären seien. Da sich solche Störungen aber über einen längeren Zeitraum entwickeln und länger anhalten, begann man schließlich, die Borderline-Störung als Persönlichkeitsstörung zu sehen. Diese Sichtweise ist auch heute aktuell.

Aus diesen Überlegungen lässt sich die sehr wechselhafte Geschichte des Borderline-Begriffes ersehen. Wenn ein Begriff aber für so viele und dabei noch recht unterschiedliche Phänomene verwendet worden ist, dann verliert ein Begriff auch etwas seine Erklärungskraft.

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Diagnostische Klassifikation

Auf Grund der unterschiedlichen Wurzeln des Borderline-Begriffs existieren auch heute noch verschiedene Definitionen. Zudem ändert sich gegenwärtig auch noch die Art der psychiatrischen Klassifikation grundlegend. Ursprünglich orientierten sich die psychiatrischen Diagnosen an Krankheitstypen. Die vermuteten Ursachen und Krankheitsmodelle von Erkrankungen gingen damit in den Krankheitsbegriff ein.

Da aber für die meisten seelischen Erkrankungen mehrere Ursachen verantwortlich sind und biologische, aktuelle und entwicklungsgeschichtliche Faktoren beschrieben werden können, werden heute lediglich Kriterien bestimmt. Diese Kriterien müssen erfüllt sein, damit von einer bestimmten Krankheit gesprochen werden kann. Eine derartige Diagnostik nennt man eine "operationale Klassifikation". Da diese Klassifikationen nicht mehr von Krankheitseinheiten ausgehen, wird dabei der Begriff "Krankheit" durch den der "Störung" ersetzt.

Diese Form der Diagnostik wird aber noch lange nicht von allen Therapeuten verwendet. Viele orientieren sich noch sehr am Krankheitsmodell, auch wenn diese Sichtweise eine Vielzahl von Unsicherheiten mit sich bringt. Solche typologischen Klassifikationen sind sehr viel ungenauer und führen damit zu erheblichen diagnostischen Unschärfen.

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Diagnostische Kriterien

Zur Klärung der Diagnose ist im Sinne der Operationalisierung zu prüfen, ob die Kriterien der Diagnose erfüllt sind oder auch nicht. Es existieren leider noch unterschiedliche Kriterienkataloge, von denen die wichtigsten sich in der amerikanischen Klassifikation DSM IV und der WHO-Klassifikation ICD-10 finden. Hier sollen im Folgenden die Kriterien des DSM IV vorgestellt werden, weil darin die Kriterien genau umrissen sind.

Borderline-Persönlichkeitsstörung nach DSM IV

Ein tief greifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität prägen dieses Störungsbild. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und manifestiert sich in den verschiedenen Lebensbereichen.
Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
    Beachte:
    Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.
    Erläuterung:
    Die Fähigkeit, allein sein zu können, ist von der inneren Sicherheit abhängig. Dabei spielt die Fähigkeit eine Rolle, die nicht anwesenden Personen "im Herzen zu tragen". Häufig geschieht das mit Hilfe von Übergangsobjekten (etwa Bilder, Erinnerungen, Erwartungen). Gelingt die Ausbildung dieser "inneren Objekte" nicht, stellt sich ein Gefühl der Einsamkeit ein.
  2. Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.
    Erläuterung:
    Zwischenmenschliche Bindungen entwickeln sich im Spannungsfeld von Sicherheit und Entwicklung. Beziehungen folgen damit immer einer Dialektik, also einer Abfolge von Widersprüchen. Damit wird die Lebendigkeit der Bindung erhalten. Bindungen sind auch unterschiedlich intensiv, abhängig davon, welche Funktion diese Bindung hat. Die Kontinuität von Bindungen ist von der grundsätzlichen Akzeptanz der oben erwähnten Dialektik abhängig, denn in jeder Beziehung tauchen nach einiger Zeit Widersprüche und Störungen auf. Diese Störungen können dann nur durch "Verhandlungen" aufgelöst werden, womit die Beziehung dann immer wieder neu definiert werden muss.
  3. Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
    Erläuterung:
    Die Identität bildet sich im jungen Erwachsenenalter aus und ist das Ergebnis von Suche und Entscheidung. Die Identität ist eng verbunden mit dem Selbstbild. Das Selbstbild setzt sich aus einer Stellungnahme (so bin ich) und einer Bezugnahme (im Verhältnis zu anderen) zusammen. Das Selbstbild ist ständigen Veränderungen unterworfen, wobei ein Gefühl der Sicherheit (Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen) Grundlage dafür ist, dass Entwicklungsschritte vollzogen werden können (Selbstfindung).
  4. Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, "Fressanfälle" etc.). Beachte: Hier werden ebenfalls keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.
    Erläuterung:
    Die Seele produziert fortlaufend Impulse, von denen nur ein Teil mit Hilfe eines Motiv in sinnvolles Handeln umgesetzt werden kann. Andere Impulse müssen hingegen kontrolliert und sicherlich auch abgewehrt werden. Gelingt die Kontrolle nicht, dann können unnütze oder gar gefährlich Impulse nicht unterdrückt werden. Eine Impulskontrollstörung ist dann die Folge. Impulshandlungen haben eine große Chance, wieder aufzutreten, wenn mit der Handlung der Abbau innerer Spannung gelingt, etwa durch Substanzmissbrauch. Hier besteht die Gefahr, dass die Handlung damit »konditioniert« wird, also immer wahrscheinlicher wird und zunehmend eintritt.
  5. Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.
    Erläuterung:
    Wiederholte Suizidgedanken und suizidale Handlungen sind ein großes Problem für Betroffene, zumal sich diese Gedanken häufig insbesondere in Stress-Situationen passiv aufdrängen. Sie heften sich dabei oft an innere Spannungszustände, wobei die Vorstellung entsteht, dass dieser Spannung nur durch den Suizid entgangen werden kann. Ähnliches gilt für das selbstverletzende Verhalten. Viele Betroffene berichten, dass allein dadurch die Reduktion innerer Spannungen gelingt. Dies kann dann fast den Charakter einer Sucht bekommen. Die Selbstverletzungen sind weniger mit dem Erleben von Schmerzen verbunden als vielmehr mit einem Gefühl der Erleichterung. Die Wirksamkeit des selbstverletzenden Verhaltens hängt stark mit der Ausschüttung körpereigener Morphine (die so genannten Endomorphine) zusammen. Ein Problem des selbstverletzenden Verhaltens ist das dabei entwickelte Schamgefühl, denn häufig treffen diese Verhaltensweisen bei den Betroffenen selbst, aber auch bei anderen auf Ablehnung. Das Schamgefühl kann dann zur Folge habe, dass die Konsequenzen verborgen werden. Die Verstärkung des Gefühls der Einsamkeit ist wiederum die Folge.
  6. Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z.B. hochgradige episodische Dysphorie (Freudlosigkeit), Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern).
    Erläuterung:
    Stimmungswechsel sind bei Menschen die Regel, wobei immer innere und äußere Bedingungen die Stimmung prägen. Instabiltät der Stimmung, insbesondere dann, wenn die Gründe für die Stimmungswechsel nicht erkennbar sind, führen jedoch zu einer weitreichen Verunsicherung.
    Beispiel:
    Welche Anzeichen der Störung nehmen Sie an sich wahr und wo? Vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. Ich fühle mich schnell angegriffen, selbst bei Lapalien, und werde aggressiv. Ich habe kein Ziel für mein Leben und fühle mich oft so verzweifelt, dass ich lieber tot wäre. Habe so schlimme seelische Schmerzen, dass ich oft denke, ich kann nicht mehr. Will dann nur noch, dass es vorbeigeht und endlich aufhört, kann während der Zeit nicht normal funktionieren. Ich habe so viele Widersprüche in mir und so ambivalente Gefühle. dieses Chaos kann ich nicht beherrschen. Diese inneren Kämpfe sind schlimm.
  7. Chronische Gefühle von Leere.
    Erläuterung:
    Das Erleben resultiert immer aus inneren und äußeren Reizen. Ein Vehikel innerer Reize ist die Erinnerung, die ja im Grunde eine Form der Erzählung ist. Die Erinnerung ruft aber auch die Emotionen zurück, die mit der Erinnerung verbunden sind. Problematisch sind daher Erinnerungen, die mit negativen Gefühlen gekoppelt sind. Um sich davor zu schützen, schalten viele Betroffenen die inneren Reize aus und werden damit um so abhängiger von äußeren Reizen.
  8. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).
    Erläuterung:
    In der ICD-10 wird diese Form der Impulisivität als eigenständiges Problem gesehen. Emotionen spielen im Umgang mit anderen eine sehr große Rolle. Sie haben dabei den Charakter von Grundeinstellungen und Ergebniserwartungen. Sie helfen in der Regel dabei, auf Situationen angemessen und zielgerichtet zur reagieren, weil durch Emotionen Verhaltensprogramme aktiviert werden, die eine schnelle und sichere Reaktion ermöglichen. Angst beispielsweise signalisiert Gefahr, Wut Kampfbereitschaft etc. Emotionen sind aber nur dann hilfreich, wenn sie passen und angemessen sind, weil sonst erhebliche Störungen in den sozialen Beziehungen folgen.
  9. Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.
    Erläuterung:
    Die Borderline-Störung ist sicherlich keine Variante der paranoiden Psychose! Trotzdem treten im Rahmen dieser Störung gehäuft paranoide Symptome auf. Damit ist eine Wahrnehmung gemeint, bei der eine Vielzahl von Reizen der Umgebung in einer bestimmten Form auf die eigene Person bezogen werden. Einfache Formen solchen Denkens sind etwa Ideen wie "Alle haben etwas gegen mich", "Ich werde von den anderen sehr kritisch beobachtet" etc. Verstärken sich solche Befürchtungen, so können Ideen wachsen wie "Man sieht mir meine Störung an, die anderen wollen mir Übles oder verfolgen mich" etc. Dissoziative Symptome sind mit Einschränkungen als Tagträume zu umschreiben. Dabei kann die Realitätskontrolle abhanden kommen.

In der ICD-10 wird entgegen den Kriterien des DSM IV mehr die emotionale Instabilität in der Vordergrund geschoben. Der Oberbegriff lautet entsprechend auch "emotional instabile Persönlichkeit". Hierunter wird dann ein Borderline-Typ von einem impulsiven Typ unterschieden. Letzteres markiert den Übergang zu anderen Formen der Instabilität, wie etwa Reizbarkeit, Verwicklung in aggressive Auseinandersetzungen, Neigung zu Impulsdurchbrüchen und Ähnliches. 

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Begleiterkrankungen

Die Borderline-Störung tritt sehr häufig im Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen auf, etwa Ess-Störungen, Depressionen, Störungen der Sexualität, Zwangs- und Ticstörungen, Suchterkrankungen etc. Diese Begleiterkrankungen sind gelegentlich Grund für die Suche nach Hilfe. Im Rahmen der Behandlung oder Psychotherapie wird dann die Borderline-Störung deutlich. Dabei können die Verknüpfungen vielfältig sein. Einige Störungen entstehen als Folge der Borderline-Störung (etwas depressive Symptome) oder sind als Bewältigungsversuche zu verstehen (etwa Ess-Störungen oder Substanzmittelmissbrauch), andere verstärken die Probleme der Borderline-Störung.

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Verbreitung und Verlauf der Erkrankung

Untersuchungen haben ergeben, dass rund zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung an einer Borderline-Störungen leiden. Wie bei anderen Persönlichkeitsstörungen ist jedoch zu bedenken, dass nicht nur die Art, sondern auch das Ausmaß der Störung den Krankheitscharakter bestimmt. Nur wenn die Symptome für den Betroffenen oder auch seine Umgebung Leidenscharakter bekommen, kann man von einer "Störung" im engeren Sinne sprechen.

Daher werden sich viele bei den Kriterien der Störung wieder finden, ohne tatsächlich ein Krankheitsgefühl entwickelt zu haben. Immerhin machen Borderline-Patienten gegenwärtig etwa zehn Prozent der stationär behandelten psychiatrischen Patientinnen und Patienten aus.

Neuere Untersuchungen zum Verlauf der Erkrankung zeigen, dass die Störung offensichtlich bei vielen im Laufe des Lebens verschwindet, sie also vor allem eine Erkrankung des jungen Erwachsenen ist. Dieser im Grunde günstige Verlauf der Erkrankung zeigt, dass viele Betroffene im Laufe ihres Lebens Selbstheilungskräfte entwickeln, die es ihnen ermöglichen, die Krankheitssymptome zu kompensieren und für sich Perspektiven zu finden.

In welchem Maße damit auch eine ausreichende Lebensqualität gesichert ist, bleibt selbstverständlich offen. Ebenso ist ungeklärt, in welchem Ausmaß sich Ersatzsymptome ausbilden. Immerhin rechtfertigen die Verlaufsuntersuchungen einen vorsichtigen Optimismus und zeigen individuelle Möglichkeiten.

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Symptome und Varianten der Erkrankung

Die Kriterien der Borderline-Störung verdeutlichen, dass es in erster Linie zu Beeinträchtigung der inneren Ausgeglichenheit und zu Störungen in den sozialen Beziehungen kommt. Dies hat zum Teil erhebliche Konsequenzen für die Gestaltung des Alltags, den Umgang mit anderen Menschen, die Auswertung von Erfahrungen und die Entwicklung einer angemessenen Lebensperspektive. Im Folgenden sollen einige Bereiche, in denen sich die Störung bemerkbar machen kann, beschrieben werden.

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Bewältigung von Aufgaben und Problemen

Die starken Schwankungen der Stimmung, das unsichere Selbstbild, die Schwierigkeiten bei der Gestaltung von Beziehungen und die Probleme mit dem Alleinsein führen dazu, dass die eigene Kompetenz bei der Bewältigung von Aufgaben und Problemen starken Schwankungen unterliegt. Dies kann dazu führen, dass die Kompetenz von den Betroffenen selbst und der Umgebung überschätzt wird.

Insbesondere in Krisensituationen kann es dann zu Überforderungen kommen. Erschwerend ist, dass die Störung die Möglichkeiten der Betroffenen reduziert, auf die eigenen Ressourcen zurückzugreifen. Techniken, sich zu beruhigen oder in Stress-Situationen die Übersicht zu bewahren, fehlen dann häufig.

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Nutzen von Hilfsquellen

Jeder Mensch ist in der einen oder anderen Form auf soziale Unterstützung angewiesen. Je nach Fragestellung kann zwischen instrumenteller, emotionaler und gedanklicher Unterstützung unterschieden werden. Durch die Beeinträchtigungen in der Beziehungsgestaltung im Rahmen einer Borderline-Störung können oft die Hilfequellen des sozialen Netzes nicht angemessen genutzt werden. Vor allem das Zusammenspiel von Geben und Nehmen funktioniert nicht.

Viele Menschen haben zudem Schwierigkeiten, mit den starken Stimmungsschwankungen im Rahmen dieser Störung umzugehen. Die einen wenden sich ab, andere reagieren wütend und mit Ablehnung. Eine Störung, die sich durch Ungeduld auszeichnet, löst daher auch bei anderen Ungeduld aus.

Um die starken inneren Impulse auszugleichen, haben viele Betroffene zudem eine Fülle von Kontrollstrategien entwickelt. Diese Art der Überlebensstrategie führt beim Gegenüber oft zu einem Gefühl des "Manipuliertwerdens". Daraus resultiert ein mehr oder weniger offen ausgetragener Kampf um Kontrolle.

Das Gleiche gilt für die Tendenz vieler Betroffenen, aus Schamgefühl die Auswirkungen der Störung zu verbergen und damit eine offene Beziehungsgestaltung zu erschweren. Viele Partner und Freunde fühlen sich dabei getäuscht und ausgenutzt. Das Gefühl, "nicht verstanden zu werden", kann sich dann unter solchen Umständen verstärken.

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Auswertungen von Erfahrungen

Grundsätzlich lässt sich aus jeder Krisensituation lernen. Lange Zeit glaubte man in der Psychologie sogar, das die Lerneffekte unter Stress höher seien als in Ruhezuständen. Tatsächlich aber werden unter Stressbedingungen viele Informationskanäle geschlossen. Die Auswertung einer Situation erfolgt daher in der Regel in einem Stadium der Ruhe und Reflexion.

Die Borderline-Störung hingegen führt zu einem fortwährenden Anspannungszustand. So bleiben wichtige situative Informationen verborgen, Erfahrungen können nicht angemessen ausgewertet werden und erwartete Verhaltensänderungen stellen sich nicht ein.

Aus Not neigen daher Betroffene dazu, einmal eingeschlagene Lösungswege ständig zu wiederholen, auch wenn sich diese in der Vergangenheit als ungeeignet herausgestellt haben. Die oben bereits beschriebene Tendenz zur Unoffenheit erschwert die Erfahrungsbildung zusätzlich. Die Unsicherheiten im Umgang mit Menschen verstärken noch das Misstrauen gegenüber anderen. Gut gemeinte Ratschläge verfehlen so ihr Ziel und kehren sich in der Wahrnehmung des Betroffene ins Gegenteil um.

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Bewältigung von Krisensituationen

Betroffene schildern ihre Lebenssituationen selbst als eine Art permanenter Krise. Die unzureichenden Möglichkeiten, sich in Stress-Situationen zurechtzufinden, die oft unangemessenen Bewältigungsstrategien und die mangelnde Fähigkeit, sich soziale Unterstützung zu sichern, führen dazu, dass bei der Bewältigung von Problemen und Krisen Spannungen weiter eskalieren. Die Unfähigkeit, Spannungen abzubauen, führt wiederum zu weiteren Spannungen und so entsteht ein Teufelskreis.

Das Stolpern von einer Krise in die andere unterbricht die Kontinuität des Lebens erheblich. Bei vielen entsteht daraufhin ein Gefühl, in der eigenen Entwicklung still zu stehen. Das nährt Hoffnungslosigkeit und Resignation.

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Die Schritte zur Gesundung

Die vielfältigen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Borderline-Störung erscheinen zunächst wie ein unüberwindlicher Berg. Nicht nur die Symptome müssen überwunden, sondern auch viele ungünstige Haltungen und Verhaltensmuster geändert sowie eine weitreichende Hoffnungslosigkeit bekämpft werden. Betroffenen ist daher angeraten, sich nicht zu viel vorzunehmen und realistisch zu bleiben. Dazu gehört auch, die notwendig erscheinenden Veränderungen in Teilschritte zu untergliedern, die den eigenen Möglichkeiten angepasst sind. Solche Teilschritte können sein:

1. Schritt: Das Überleben sichern und sich für das Leben entscheiden.

2. Schritt: Den Umgang mit Krisen und Stress lernen (Stresstoleranz).

3. Schritt: Fertigkeiten erlernen, um mit sich selbst und anderen umgehen zu können (Fertigkeitstraining).

4. Schritt: Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster erkennen und wenn nötig nachhaltig verändern (aktive Lebensgestaltung).

5. Schritt: Die Zukunft unabhängig von der Krankheit gestalten und sich von der Krankheit verabschieden.

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Ressourcen nutzen

Die offene und ehrliche Bestandsaufnahme der Probleme sollte immer im Hinblick auf Überlegungen erfolgen, wie die Probleme gelöst werden und welche positiven Veränderungen damit erreicht werden können. Dazu ist aber ein gezielter Rückgriff auf die Ressourcen unerlässlich. Ressourcen sind alle Motive, Gedanken, Handlungen, Fertigkeiten, Einstellungen und Erfahrungen, die der Sicherung von Wohlbefinden und Gesundheit dienen und eine weitere positive Entwicklung ermöglichen. Jedem Menschen steht eine Vielzahl von Ressourcen und Stärken zur Verfügung. Allerdings machen sich wenige Gedanken darüber und so bleiben viele Ressourcen ungenutzt.

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Sich durch Selbsthilfe stark machen

Mit den Ressourcen sind die Potenziale verbunden, die zur Selbsthilfe genutzt werden können. Organisiert in einer Selbsthilfegruppe, im Internet  oder individuell kann jeder etwas tun, um Krankheitssymptome zu reduzieren und die Folgen der Krankheit zu mindern. Der Austausch von Erfahrungen und die Fähigkeit, neue Wege zu beschreiten, sind dabei wichtige Elemente der Selbsthilfe. Aber auch ein Notfallkoffer mit Gegenständen, die in einer Krise hilfreich sind, hat sich bewährt. Desweiteren ermöglichen Absprachen mit sich und anderen, z.B. Behandlungsvereinbarungen, im Krisenfall ein möglichst hohes Maß an Selbstbestimmung.

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Therapien

Die Borderline-Störung ist eine sehr komplexe Störung, die in der Regel ein mehrstufiges Vorgehen erfordert. Zudem sind Interventionen auf unterschiedlichen Ebenen nötig und damit eine Kombination von Hilfen. Im Mittelpunkt einer Behandlung sollte stets eine auf Kontinuität angelegte ambulante Behandlung stehen. Dabei ist eine Kombination von Einzel- und Gruppentherapie sinnvoll.

Bei den einzelnen therapeutischen Methoden sind zunächst allgemeinere Verfahren zur Behandlung der Borderline-Störung von jenen Verfahren zu unterscheiden, die zur Behandlung einzelner Symptome dienen. Von den allgemeinen Verfahren sind insbesondere die psychodynamischen und kognitiv-verhaltenstherapeutischen am weitesten ausgearbeitet. Bei beiden Verfahren handelt es sich um sogenannte Kurzzeit-Therapien, womit Zeiträume von etwa 1 bis 2 Jahren (25 Sitzungen mit Verlängerungsmöglichkeit) gemeint sind. Der Schwerpunkt beider Verfahren liegt in der ambulanten Therapie.

Die psychodynamische Therapie

Beim psychodynamischen Verfahren handelt es sich um ein Konzept, das auf der Objekttheorie aufbaut. Das zentrale Ziel ist hierbei, die Angst bei der Wahrnehmung von Widersprüchen zu reduzieren und dem Betroffenen somit einen realistischeren Umgang mit Beziehungen zu ermöglichen. Hauptübungsfeld für eine solche Entwicklung ist die therapeutische Beziehung selbst. Die Therapie erfolgt in zwei Schritten. Zunächst werden die Regeln und Formen des Umgangs miteinander festgelegt. Diese Verhandlung kann sich über einen längeren Zeitraum erstrecken.

Die Vereinbarungen enthalten Überlegungen zur Motivation, zu den Zielen sowie zu der Art und Weise des Umgangs miteinander, die Verständigung auf Offenheit, Regeln im Umgang mit therapiegefährdendem Verhalten und die Klärung der Verantwortung für die Veränderung. In einer zweiten Phase erfolgt dann die Thematisierung der Beziehungsstörung.

Die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)

Bei diesem Verfahren handelt es sich um ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Programm, das auf dem Modell der emotionalen Instabilität aufbaut. Vor allem die angewandten Techniken sind dem Repertoire der kognitiven Verhaltenstherapie entnommen, etwa Training der sozialen Kompetenz, Exposition (Auseinandersetzung mit der konkreten Situation, in der sich die Störung bemerkbar macht), Notfallmanagement und kognitive Umstrukturierung (Veränderung der Haltung gegenüber Situationen des alltäglichen Lebens).

Die dialektisch-behaviorale Therapie baut auf verschiedenen Strategien auf. Es sollen Techniken der Akzeptanz entwickelt werden, die die Bestätigung von Erfolgen und die Steigerung der Achtsamkeit fördern. Aber auch die Möglichkeiten der Veränderung werden thematisiert. Einen zentralen Ansatzpunkt stellen die dialektischen Strategien dar, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem oben beschriebenen psychodynamischen Vorgehen haben. Dialektische Strategien zielen darauf, in der therapeutischen Beziehung auf Gegensätze im Leben des Patienten hin - zuweisen und sie aufzulösen. Damit soll das Schwarz-Weiß- Denken überwunden werden. Die Therapie stützt sich auf vier Module:

  • die Einzeltherapie,
  • das Fertigkeitstraining,
  • die Telefonberatung und die
  • Supervisionsgruppe (als Kontrollinstanz).  

Psychodynamische Verfahren und kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren sind selbstverständlich nicht die einzigen Möglichkeiten der Behandlung. Sie zeichnen sich aber durch eine breite Akzeptanz und ein hohes wissenschaftliches Niveau aus. Darüber hinaus gibt es gesprächspsychotherapeutische Konzepte, körperbezogene Therapien und künstlerische Therapien, schließlich haben auch rehabilitative Techniken ihren Platz in der Therapie der Borderline-Störung.    

Das STEPPS-Training

Ergänzend zu den genannten Therapien hat sich STEPPS (Systems Training for Emotional Predictability and Problem Solving) als ein strukturiertes Trainingsprogramm für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung bewährt. Ziel ist, betroffene Menschen zu befähigen, mit professionellen Helfern, mit Angehörigen und Freunden klarer über ihre Erkrankung und die notwendigen Schritte zur Bewältigung zu kommunizieren. In konkreten Schritten erlernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Fertigkeiten für einen angemesseneren Umgang mit ihren Emotionen und zur Steuerung ihres Verhaltens.

Medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten

Eine spezifische Behandlung der Borderline-Störung mit Medikamenten gibt es im Grunde nicht. Gleichwohl lassen sich einige Symptome mit  Medikamenten behandeln und können in akuten Krisen kurzfristig Entlastung bringen. Sie sind insofern legitime Hilfsmittel, eine »Heilung« bewirken sie bei den Symptomen allerdings nicht.

Wenn von dem behandelnden Arzt eine solche Behandlung empfohlen wird, sollte in jedem Fall nach der Zielvorstellung des Arztes gefragt werden und danach, bei welchen Problemen eine Hilfe zu erwarten ist. Die Veränderung der Zielsymptome erlaubt auch die Kontrolle der Medikamentenwirkung. Die Möglichkeit, dass lediglich ein zufälliges Zusammentreffen von Medikament und Besserung vorliegt, sollte bedacht werden.

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Literatur

  • Anders, B. (1999): Ich heiße Berit und habe eine Borderlinestörung. Düsseldorf.
  • Bluhm, N. u.a. (2009) STEPPS - Das Trainingsprogramm bei Borderline: Emotionale Krisen bewältigen, Probleme lösen, Alltag gestalten, Beziehungen aufbauen.Trainerhandbuch
  • Clarkin, J.; Yeomans, F.; Kernberg, O. (2000): Psychotherapie der Borderline-Persönlichkeit: Manual zur Psychodynamischen Therapie. Stuttgart.
  • Dulz, B.; Sachsse, U. (2000): Handbuch der Borderline-Störungen. Stuttgart.
  • Kernberg, O. F (1995): Konzepte der Psychotherapie von Borderline-Störungen. Heidelberg.
  • Kernberg, O. F. (1997): Psychodynamische Therapie bei Persönlichkeitsstörungen. Bern u. a.
  • Knuf, A. (2006): Leben auf der Grenze. Erfahrungen mit Borderline. Bonn.
  • Knuf, A. (2008): Gesundung ist möglich. Borderline-Betroffene berichten. Bonn
  • Knuf, A.; Tilly, C. (2007): Borderline – Das Selbsthilfebuch. Bonn.
  • Kreisman, J.; Straus, H. (2000): Ich hasse dich, verlass mich nicht: Die schwarzweiße Welt der Borderlinepersönlichkeit. München
  • Leichsenring, F. (2003): Borderline-Stile: Denken, Fühlen, Abwehr und Objektbeziehungen von Borderline-Patienten. Bern u. a.
  • Linehan, M. (1996): Dialektisch-behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung. München. Mason, P. T.; Kreger, R. (2005): Schluss mit dem Eiertanz. Ein Ratgeber für Angehörige von Menschen mit Borderline. Bonn.
  • Masterson, J. F. (1994): Die Sehnsucht nach dem wahren Selbst. Stuttgart.
  • Rahn, E. (2009): Basiswissen Psychiatrie: Umgang mit Borderline-Patienten. Bonn
  • Rohde-Dachser, C. (2000): Das Borderline-Syndrom. Bern u. a.

Internet

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Ewald Rahn: Arzt für Nervenheilkunde, Psychotherapeut, Arzt für Psychotherapeutische Medizin, leitender Arzt der Psychiatrie in Warstein und stellvertretender Leiter der Klinik.

Text von Ewald Rahn aus: Umgang mit Borderlinepatienten. Psychiatrie-Verlag, 2. Auflage der Neuausgabe, Bonn 2011

Informationen

Andreas Knuf informiert in einer Broschüre der Familienselbsthilfe Psychiatrie über Borderline.

Bücher zum Thema

Ewald Rahn: Borderline - verstehen und bewältigen. Balance buch- medien verlag, 4., vollständig überarbeitete Auflage 201

Andreas Knuf und Christiane Tilly: Borderline - Das Selbsthilfebuch. Balance buch- medien verlag, 6. Auflage, Bonn 2012