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1995 initiierten Angelika Ebbinghaus und Klaus Dörner eine ungewöhnliche Spendenaktion. Sie riefen alle deutschen Ärzte auf, die Veröffentlichung der Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses zu unterstützen. Fast 8000 Ärzte und Ärztinnen beteiligten sich an dem Vorhaben, und so konnte 1999 die Mikrofiche-Edition im K.G. Saur Verlag erscheinen.
Begleitend zu dieser Publikation fand in Hamburg eine Ringvorlesung statt, bei der sich ausgewiesene Fachexperten mit den verschiedenen Aspekten des Themas auseinander setzten. Auf dieser Basis entstand das Buch „Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozess und seine Folgen“. Es zeichnet die Geschichte des Prozesses nach: Der Nürnberger Ärzteprozess fand 1946/47 als erster Nachfolgeprozess des Hauptkriegsverbrecherprozesses gegen 23 Beteiligte an den nationalsozialistischen Medizinverbrechen statt. Die Anklage lautete auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Über sieben Täter verhängte das Gericht die Todesstrafe, darunter Karl Brandt, Begleitarzt Hitlers und einer der Hauptverantwortlichen für die NS-Euthanasie.
Der Beitrag zur Vorgeschichte des Prozesses (Paul Weindling) schildert die Aufdeckung der Verbrechen und die Ermittlungen der Alliierten. Der Beitrag von Hans-Walter Schmuhl zu den Morden an psychisch kranken und behinderten Menschen gehört zu den besten Arbeiten, die ich zu diesem Thema gelesen habe. Weitere Darstellungen beschäftigen sich u.a. mit den kriegschirurgischen Experimenten (Ebbinghaus und Roth) und der Fleckfieberforschung (Thomas Werther) in den Konzentrationslagern. Karl-Heinz Roth zeichnet die Geschichte der luftfahrtmedizinischen Forschung nach. Im Auftrag der Luftwaffe wurden im Konzentrationslager Dachau u.a. Unterdruckkammerexperimente durchgeführt, die für den Krieg wichtige Erkenntnisse zur Rettung von Piloten aus extremen Höhen geben sollten. Die Versuche, an denen mindestens 70 Häftlinge starben, bewertet Roth teilweise als medizinische Hinrichtungen. Dass die für jene Verbrechen Angeklagten freigesprochen wurden, erklärt der Autor damit, dass der Anklage damals noch nicht alle heute bekannten Zusammenhänge bekannt waren. Nicht ohne Einfluss war aber auch die Tatsache, dass die Angeklagten inzwischen teilweise in amerikanischen Diensten standen. Die Alliierten hatten nicht gezögert, die Ergebnisse der verbrecherischen Experimente für die eigene Forschung nutzbar zu machen.
Eine der Stärken des Buches liegt in dem eindrucksvoll gelungenen Versuch, den Prozess aus den unterschiedlichen Perspektiven darzustellen. Den Motiven und Strategien der Anklage werden die der Verteidigung gegenübergestellt. Dabei werden einzelne Beteiligte wie die medizinischen Sachverständigen Werner Leibbrand und Leo Alexander porträtiert (Ralf Seidel und Ulf Schmidt). Loretta Walz lässt drei polnische Frauen zu Wort kommen, die die Experimente in Ravensbrück überlebten. Sie berichten von der Ohnmacht und ihren Ängsten, aber auch vom Widerstand im Konzentrationslager. Der Kampf der Opfer ging auch nach 1945 weiter. Im Prozess wurden ihre Aussagen angezweifelt und auf eine Entschädigung mussten sie bis in die 60er-Jahre warten. Und die Täter? Das Buch sucht nach Antworten auf die Frage, wie es zu solch einer Pervertierung ärztlichen Handelns kommen konnte. Der Nährboden war bereits vor 1933 gelegt. Als eine der Wurzeln schildert Alfons Labisch die soziale Hygiene, die um die Jahrhundertwende auf die mit der Industrialisierung zunehmende Verelendung mit einer rigiden Gesundheitsfürsorgepolitik reagierte. Hygieniker wie der Sozialdemokrat Alfred Grotjahn erklärten die öffentliche Gesundheit zu einem gesellschaftlichen Wert, dem sich der Einzelne im Interesse der Gemeinschaft und der zukünftigen Generationen unterzuordnen hatte. Die Rassenhygiene interpretierte im Kontext des Sozialdarwinismus die allenthalben gefürchtete Degeneration als ein Problem des menschlichen Erbgutes. Neben diesen geistigen Wurzeln machten sich die Nationalsozialisten die schlechte soziale Lage der jüngeren Ärztegeneration in der Weimarer Republik zunutze. Nach ihrer Machtübernahme führten die Zentralisierung der Ärzteschaft, die Entmachtung der Kassen und nicht zuletzt die Verfolgung und Vertreibung der jüdischen Standeskollegen zu einer Verbesserung der sozioökonomischen Situation der Ärzteschaft. Vor dem Hintergrund des Erbgesundheitsgesetzes, dem „Grundgesetz der Nazis“, wurden Ärzte zu den Heilern der Gesellschaft stilisiert.
Doch es wäre zu kurz gegriffen, würde man die Ursachen für die Verbrechen auf diese Erklärungen reduzieren. So ist die Frage der Ethik ärztlichen Handelns zu Recht eines der zentralen Themen des Buches. Klaus Dörner setzt sich mit dem medizinischen Selbstverständnis der Angeklagten auseinander und stellt sich die quälende Frage, wie er damals gehandelt hätte. Denn die Angeklagten seien keine Monster gewesen, sondern eine Zufallsmischung von Ärzten, wie es sie heute auch gebe, eher sozial engagierter und wissenschaftlich qualifizierter als der Durchschnitt. Hinter den verschiedenen Begründungsstrategien für ihr Handeln sieht Dörner eine Gemeinsamkeit: die Verweigerung der Einfühlung in die Opferperspektive. Bezug nehmend auf die aktuelle Ethik-Diskussion verweist Dörner auf die Gefahr, dass „auch das Pochen auf das Selbstbestimmungsrecht des Patienten zur Entlastung der eigenen Verantwortung und sogar zur Ausdehnung medizinischer Macht instrumentalisiert werden kann“.
Der rigorosen Aufdeckung von Kontinuitäten in der deutschen Medizin des 20. Jahrhunderts hat sich Ernst Klee verschrieben. Nachdem Klee vor zwei Jahrzehnten einer der Vorreiter für die Auseinandersetzung mit den „Euthanasie“-Verbrechen war, hat er nun nach „Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer“ (1997) ein zweites Buch vorgelegt, dass sich mit der weitreichenden Verstrickung der deutschen Medizin-Elite in die Verbrechen des Nationalsozialismus beschäftigt. „Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945“ ist im S. Fischer Verlag erschienen. „Die Psychiatrie wurde von den Nazis nicht missbraucht, sie brauchte die Nazis.“ Diese These Klees lässt sich auch auf andere medizinische Disziplinen übertragen. Ob Hirnforscher, Röntgenologen, Psychoanalytiker, Zoologen, Biochemiker oder eben Psychiater – die medizinische Elite hat sich an der Umsetzung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik aktiv beteiligt oder zumindest von den Möglichkeiten profitiert, „Menschenmaterial“ für die Forschung zur Verfügung zu haben. Klee begründet dies nicht nur mit der Unterwerfung der Medizin unter das Dogma der Rassenhygiene und Erbpflege vor 1933, sondern indem er über 1945 hinausschaut. Der Autor dokumentiert, dass das Massensterben in der Psychiatrie nach 1945 unvermindert weiterging. Die aufgeführten Statistiken belegen, dass in vielen Anstalten in den ersten Nachkriegsjahren mehr Patienten und Patientinnen starben als während der NS-Euthanasie. Lässt sich daraus „Massenmord nach der Befreiung“ schließen, wie Klee dieses Kapitel überschreibt? Mir scheint dies eine Frage zu sein, die noch stärker als bisher in die Erforschung der Psychiatriegeschichte einbezogen werden muss.
Doch während zumindest die Euthanasie-Verbrechen bis 1945 inzwischen recht gut erforscht sind, haben andere Disziplinen und Institutionen der Medizin noch einen großen Nachholbedarf bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte. Das macht Klees Buch in eindrucksvoller Weise deutlich. Mit der ihm eigenen Akribie liefert er Fakten auf Fakten über die Verstrickungen der deutschen Medizin-Elite in die nationalsozialistischen Herrschaftsstrukturen. Dabei ist es weniger überraschend, dass man sich auch in den Wissenschaften den Machthabern anzudienen versuchte, dass ein Loblied auf den Führer zum guten Ton gehörte und sich die Mitgliedschaft in der NSDAP und den anderen NS-Organisationen karrierefördernd auswirkte. Schwerwiegender erscheinen mir die von Klee dargestellten Fälle, in denen u.a. verschiedene Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, heute Max-Planck-Gesellschaft, von dem Massenmord in Anstalten und Konzentrationslagern profitierten. Und geradezu empörend ist es zu lesen, mit wie viel Unverfrorenheit und Zynismus diese Dinge nach 1945 geleugnet oder verharmlost wurden. In Ost und West funktionierten die alten Seilschaften, wurden „Persilscheine“ ausgestellt, Akten vernichtet oder unter Verschluss gehalten und Forschungsprojekte unter neuem Etikett weitergeführt. Klees Resümee mit Blick auf den Nürnberger Ärzteprozess: „Die Hoffnung, Medizinverbrechen auf Gräueltaten der SS reduzieren zu können, erwies sich als falsch. An verbrecherischen Menschenversuchen hatten alle partizipiert: SS, Wehrmacht, Pharmaindustrie, Kaiser-Wilhelm- wie Universitätsinstitute.“
So weist Klee unter anderem nach, dass der berühmte Ferdinand Sauerbruch als Fachspartenleiter der Deutschen Forschungsgemeinschaft Projekte wie die KZ-Versuche von Mengele bewilligte. Auch der Biochemiker und Nobelpreisträger Adolf Butenandt, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biochemie und 1972 zum Ehrenpräsidenten der Max-Planck-Gesellschaft ernannt, wird von Klee mit einer kriminalistisch recherchierten Indizienkette als „der biochemische Baustein der Auschwitz-Forschung“ vom Sockel gerissen.
Ich muss gestehen, dass mich die Fülle der Namen und Fakten, der Querverweise und Verbindungslinien teilweise überfordert haben. Und manche Schlussfolgerung des Autors erschien mir überspitzt. Doch solange die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihre eigene Geschichte verharmlost und die Max-Planck-Gesellschaft wichtige Teile des Archivs für unabhängige Benutzer gesperrt hat, bedarf es klarer Worte und pointierter Aussagen, um endlich Licht in dieses dunkle Kapitel deutscher Medizin zu bringen. Auf welcher Seite Klee dabei steht, daran hat er nie einen Zweifel gelassen: „Die Opfer blieben geächtet, weil die Wissenschaftstäter geachtet blieben.“
Thomas R. Müller, Soziale Psychiatrie
Angelika Ebbinghaus, Klaus Dörner (Hg.): Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozess und seine Folgen. Berlin: Aufbau-Verlag, 2001, 675 S., 34,– €.
Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. Frankfurt: S. Fischer, 2001, 416 S., 25,– €
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