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Dieses Buch macht deutlich, welche individuellen Schicksale sich hinter der kollektiven Perspektive verbergen. Es leistet damit einen beachtlichen Beitrag gegen das Vergessen der Vernichtung psychisch Kranker und behinderter Menschen, die als Gruppe auch innerhalb der Opfer des Nationalsozialismus eine randständige und stigmatisierte Position einnehmen.
Therese W. wird 1883 in München geboren. Ihr Vater ist Unternehmer und Künstler. Sie geht in die Klosterschule, ist Klassenbeste, doch ihre Eltern verwehren ihr den Besuch des Gymnasiums. Die Mutter stirbt früh und Therese muss den väterlichen Haushalt führen. Auch nach der Hochzeit mit Dr. Ludwig W. fühlt sie sich in die Rolle der Ehefrau und Mutter gedrängt und leidet darunter, ihre eigenen Interessen nicht verwirklichen zu können. Als Ludwig W. 1923 Institutsdirektor an der Universität Leipzig wird, zieht die Familie nach Leipzig. Mit einem Doktoranden ihres Mannes glaubt Therese sich ihre Sehnsucht nach dem "idealen Freundschaftsbündnis" mit einem Mann erfüllen zu können. Sie fordert die Scheidung und wird, nachdem der Ehestreit eskaliert, 1924 in der Psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig aufgenommen.
Die Ärzte beschreiben sie als hochgebildete Frau von natürlichen und zugleich gewandten Umgangsformen. Aber sie sehen auch ihren inneren Konflikt in der Entscheidung zwischen der Rückkehr in die Familie und der Selbstverwirklichung. Nach vier Monaten wird sie entlassen und von einem jüdischen Psychiater weiter behandelt. Doch als dieser nicht mehr praktizieren darf, kommt es 1935 zur erneuten Aufnahme in der Psychiatrie. In einem Brief appelliert sie an Ludwig: "Ein gesunder Mensch taugt nicht für die Gefangenschaft ... in einer Nervenklinik. Lass diesen Kelch an mir vorübergehen! ... Es gibt doch so viele Sonderlinge im Leben, die man trotzdem auf freiem Fuss belässt! Richte Dich nicht so strikt an das "normal" der Öffentlichkeit! Wenn alle Menschen gleichmässig normal wären, gäbe es niemals ein Vorwärts im Leben!"
Doch statt der Entlassung wird sie 1936 auf den Sonnenstein verlegt. Dort erhält sie eine Cardiazol-Schockbehandlung. Als die erhoffte Besserung ausbleibt, scheinen die Ärzte Therese aufgegeben zu haben. Auch der Kontakt zur Familie nimmt ab. Ihr Ehemann, der inzwischen für die Luftflotte arbeitet, wird nach Norwegen abkommandiert. Therese wird nach Leipzig-Dösen und später nach Arnsdorf verlegt. Die immer spärlicher werdenden Eintragungen in der Krankenakte dokumentieren, dass sich Therese mehr und mehr zurückzieht: "Widersterbend, abweisend, ohne Kontakt, gehemmt." Anfang 1941 erfolgt der Abtransport in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Die Proteste der Familie kommen zu spät. Therese W. wird wahrscheinlich am 3. Februar 1941 in Pirna vergast.
Das fast unglaubliche Schicksal der Therese W., die aus der Münchner Oberschicht stammt und wegen ihres, die gesellschaftlichen Konventionen unterlaufenden Verhaltens in die Psychiatrie geriet und als langjährige, von den Ärzten aufgegebene Anstaltinsassin schließlich dem nationssozialistischen Mordprogramm zum Opfer fiel, ist eine von dreißig Lebensgeschichten aus dem Band "Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst", 2007 im Göttinger Wallstein Verlag erschienen. Versammelt sind Biografien von Frauen und Männern, Minderjährigen und Alten, geistig behinderten, psychisch kranken und sozial auffälligen Menschen. Einige Texte umfassen nur zwei Seiten, andere, wie der über Therese W., sind ausführlich.
Im Falle der Therese W. ist eine umfangreiche Krankenakte überliefert und konnte ihr jüngster Sohn befragt werden. Bei manchen Fällen sind dagegen nur wenige Vermerke des Personals in der Akte zu finden, andere Beschreibungen stützen sich auf Selbstzeugnisse der Opfer oder Briefe von Angehörigen und Behörden. Auch die Herangehensweise der rund zehn Autoren ist individuell. Beiträge in einem eher nüchternen Stil, der sich auf die Aussagekraft der Fakten verlässt, werden von vorsichtig kommentierenden und interpretierenden Texten abgelöst. Diese Nuancen tragen zur guten Lesbarkeit des Bandes bei.
Entstanden ist das Lesebuch im Rahmen eines Forschungsprojektes der Psychiatrischen Klinik Heidelberg, das sich mit dem kollektiven Schicksal der ermordeten Patientinnen und Patienten psychiatrischer Heil- und Pflegeanstalten beschäftigt. In der Studie wurde eine Stichprobe von über 3000 Krankenakten nach empirisch-statistischen Kriterien mit dem Ziel einer soziodemografischen Beschreibung der Gruppe der Opfer der "Aktion T 4" ausgewertet. Die einführenden Beiträge deuten an, dass das Projekt sehr aufschlussreiche Zahlen und Statistiken über die Zusammensetzung der Opfer liefert, die Rechtfertigungsstrategien der Täter als Propaganda und Lüge entlarven, aber auch einige Annahmen der "Euthanasie"-Forschung revidieren. So deuten die Forschungsergebnisse darauf hin, dass in bisher unerwartetem Ausmaß auch Angehörige der Mittelschicht von der "Euthanasie" betroffen waren.
Dieses Buch macht deutlich, welche individuellen Schicksale sich hinter der kollektiven Perspektive verbergen. Es leistet damit einen beachtlichen Beitrag gegen das Vergessen der Vernichtung psychisch Kranker und behinderter Menschen, die als Gruppe auch innerhalb der Opfer des Nationalsozialismus eine randständige und stigmatisierte Position einnehmen.
Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst - Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen "Euthanasie". Herausgegeben von Petra Fuchs, Maike Rotzoll, Ulrich Müller, Paul Richter und Gerrit Hohendorf, Wallstein Verlag, Göttingen 2007, 387 Seiten mit 55 Abbildungen, 29,90 EURO
Thomas R. Müller im Newsletter des Sächsischen Psychiatriemuseums
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