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Thomas R. Müller empfiehlt das Buch über Ludwig II. von Bayern als eine ausgezeichnet lesbare und fachlich fundierte Abhandlung zu einem der meistdiskutierten und spektakulärsten Fälle der deutschen Psychiatriegeschichte.
Wenn das nicht verrückt ist! Da vertritt ein angesehener Psychiater die These, dass einer der wohl berühmtesten „Geisteskranken“, Bayernkönig Ludwig II., nicht verrückt gewesen ist, und ihm wird daraufhin „Ehrverletzung“ vorgeworfen. Als „wirres Zeug“ bezeichnete der Vorsitzende der Königstreuen in Bayern, ein Herr Stefan Jetzt, die These des Autors, der Märchenkönig sei von seiner Verwandtschaft mithilfe der Psychiatrie vom Thron gestürzt worden, unter anderem um seine homoerotische Passion zu verschleiern und das durch Ludwigs Bausucht überstrapazierte königliche Vermögen zu retten. Und ein anderer Ludwig-Spezialist, Stefan Glowasz, beklagte sich: „Schon der erste Anblick des Schutzumschlages des Buches mit dem sehr ungünstigen Bild des Königs aus seinen letzten Lebensjahren ist ein Ärgernis für Königsfreunde!“
Ein spiegelglattes Parkett also, auf das sich der Autor Heinz Häfner begeben hat. Häfner gilt als einer der Väter der westdeutschen Psychiatriereform und hat das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim gegründet. Mit der Biografie und Krankheit Ludwig II. hat er sich, wie dem Vorwort des mehr als 500 Seiten mächtigen Buches zu entnehmen ist, in den letzten Jahren im Rahmen eines Forschungsprojektes intensiv beschäftigt.
Für die Darstellung des zentralen Themas des Buches, der psychiatrischen Beurteilung des Gutachtens über Ludwigs Geisteszustand, spannt Häfner einen weiten Bogen. Er versucht, dessen Persönlichkeit zu erfassen, um das Verhalten des Königs zu begreifen und seine psychische Gesundheit zu beurteilen. Er beschreibt die Psychiatrie am Ende des 19. Jahrhunderts und widmet sich dem Wirken des Gutachters Bernhard von Gudden, um schließlich dessen psychiatrisches Gutachten, das die Amtsenthebung legitimierte, zu bewerten. Häfners Urteil über das Gutachten ist eindeutig und vernichtend: „Es war unter Vernachlässigung der damals bekannten Regeln psychiatrisch-forensicher Begutachtung und unter Missachtung von Normen ärztlicher Ethik erstattet worden.“ Bernhard von Gudden, seinerzeit Direktor der Kreisirrenanstalt München und Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie, habe für sein Gefälligkeitsgutachten einseitig negative Aussagen berücksichtigt und den König weder persönlich untersucht noch die Ärzte aus dessen Umfeld zurate gezogen. Die Kernaussage des Gutachtens, so kann Häfner überzeugend nachweisen, Ludwig wäre geisteskrank und geistesschwach, ist falsch.
Stattdessen, so erläutert Häfner, habe Ludwig an einer sozialen Phobie gelitten, die dazu führte, dass er sich immer stärker in seine Fantasiewelt zurückzog. Ausdruck seiner außergewöhnlichen Fantasiebegabung seien Ludwigs schwärmerische Beziehungen zu den Künsten und zu Künstlern wie Richard Wagner gewesen. Mit seinen Königsschlössern wollte er die Fiktion eines nicht mehr zeitgemäßen, absoluten Königtums aufrechterhalten. Doch sein Bauprogramm habe Ausmaße einer nicht stoffgebundenen Sucht angenommen. Am schwersten für die teilweise bis heute anhaltende, eher irrationale Verehrung „Kinis“ wiegt wohl Häfners These, dessen homoerotische Disposition habe zu einer zunehmenden Promiskuität des Königs geführt, die in seinen letzten Lebensjahren auch vor dem Missbrauch von Reitersoldaten nicht Halt machte. Ludwigs Scham gegenüber diesen Verfehlungen und seine Angst, den Rest seines Lebens als Geisteskranker interniert zu werden, hätten ihn schließlich zu dem Selbstmord im Starnberger See getrieben.
Nun muss ich zugeben, dass ich die in den letzten hundert Jahren erschienene Ludwig-Literatur nicht überschaue und deshalb das Für und Wider der Häfner’schen Thesen nicht zu beurteilen vermag. Deshalb habe ich mich bei der Lektüre auf die wissenschaftliche Kompetenz des Autors, die Logik seiner Argumentation und meinen gesunden Menschenverstand verlassen und empfehle das Buch als eine ausgezeichnet lesbare und fachlich fundierte Abhandlung zu einem der meistdiskutierten und spektakulärsten Fälle der deutschen Psychiatriegeschichte.
Heinz Häfner: Ein König wird beseitigt - Ludwig II. von Bayern. München: Verlag C.H. Beck, 2008 544 S., 38,– EUR
Thomas R. Müller in Soziale Psychiatrie 3/2009
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