Das Leben meiner Urgroßmutter
13720 psychisch Kranke und geistig behinderte Menschen wurden zwischen Juni 1940 und August 1941 in Pirna-Sonnenstein ermordet. Eines der ersten Opfer war Anna L. Sie kam am 5. Juli 1940 mit einem Transport aus Arnsdorf. Arnsdorf war die sechste Station ihrer mehr als zwanzigjährigen Odyssee kreuz und quer durch sächsische Anstalten. Ein Schicksal wie viele andere. Und doch einzigartig.
Recherchiert und aufgeschrieben hat diese Lebensgeschichte ihre Urenkelin Daniela Martin. Eher durch Zufall erfährt die in Köln lebende Journalistin von dem sorgsam gehüteten Familiengeheimnis. Zunächst stößt sie bei ihren Nachfragen auf Abwehr, doch als der Großonkel ihr schließlich eine dicke Korrespondenzmappe übergibt, versteht die Autorin dies als Auftrag, das Leben ihrer Urgroßmutter zu rekonstruieren und ihr einen würdigen Platz in der Familiengeschichte zu geben.
Dieser Ordner ist ein seltenes Dokument. Denn neben dem Briefwechsel der Familie mit Anstalten und Behörden enthält die Mappe Briefe, die Anna L. während ihres jahrelangen Anstaltsaufenthalts an ihre Kinder geschrieben hat:
An die Tochter Lucie, die sie 1922 bei der zweiten und endgültigen Einweisung in die Psychiatrie als achtjähriges Mädchen vermutlich zum letzten Mal gesehen hat. Und an ihren Sohn Erich, dem lange glaubend gemacht wird, seine Mutter sei bei der Geburt gestorben und der erst 1935 von ihrem Schicksal erfährt.
Während Anna L. von den Psychiatern schon längst als hoffnungsloser Fall abgeschrieben ist, scheinbar unerreichbar in ihrer Wahnwelt lebend, strahlen die Briefe an ihre Kinder Herzlichkeit und Empathie aus. Wenig deutet in diesen Zeilen auf die diagnostizierte Schizophrenie hin, wäre da nicht der seltsame Absender, in dem sie sich als Gräfin bezeichnet.
Aber wer mag es dieser Frau, die seit Jahren unter sich ständig verschlechternden Verhältnissen in Anstalten verwahrt wird, verdenken, dass sie in eine schöne Traumwelt flüchtet? Anna L`s Krankenakte ist nicht überliefert. Vielleicht würde sie Hinweise geben auf ein verrücktes Verhalten, auf Stimmenhören, auf Aggressionen. Doch wer Krankenakten aus dieser Zeit gelesen hat, der weiß, dass bei Langzeitpatienten die Eintragungen mit der Länge des Aufenthaltes immer seltener werden und sich schließlich zumeist in stereotypen Floskeln verlieren.
Daniela Martin gelingt eine respektvolle und einfühlsame Annäherung an die Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter. Dabei setzt sie sich auch mit der Haltung der Familie auseinander, deren Ambivalenz zwischen Hoffnung und Verbundenheit, aber auch Ohnmacht und Sprachlosigkeit zur Tragik dieses Schicksals dazu gehört.
Mit ihrer faktenreichen und anschaulichen Rekonstruktion der Situation in der sächsischen Psychiatrie in den 1920er und 30er Jahren verweist die Autorin zudem auf die Gültigkeit dieses Einzelfalls für ein tausendfaches Unrecht.
Thomas Müller im Newsletter des Sächsischen Psychiatriemuseums
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Daniela Martin: "...die Blumen haben fein geschmeckt". Das Leben meiner Urgroßmutter Anna L. (1893-1940), Dresden 2010





