Psychopharmaka

Die Ära der Medikamentenbehandlung in der Psychiatrie begann 1950 mit der Zufallsentdeckung der antipsychotischen Wirkung des Chlorpromazin (Megaphen). Haloperidol (Haldol) folgte 1957 – diesmal als Ergebnis gezielter Suche nach weiteren antipsychotischen Substanzen. Gleichzeitig wurde das erste antidepressiv wirksame Medikament, das Imipramin (Tofranil) eingeführt, wieder eine Zufallsentdeckung. 1960 schließlich folgte der erste Tranquilizer vom Benzodiazepin-Typ. In diesen Jahren wurde auch die rückfallprophylaktische Wirkung von Lithiumsalzen bei manisch-depressiven Erkrankungen bekannt.

Alle wesentlichen Entdeckungen in der Psychopharmakotherapie vollzogen sich somit während eines Jahrzehnts. Selbst das Clozapin (Leponex), über lange Zeit die letzte große Neuentwicklung, kam bereits 1960 in die klinische Erprobung. Erst in den 90er-Jahren gab es einen Entwicklungsschub bei der Entwicklung von Psychopharmaka, zunächst bei den Antidepressiva, dann bei den Neuroleptika.Allerdings sind die neuen Substanzen nicht wirksamer als die alten. Sie haben günstigenfalls weniger Nebenwirkungen, oft aber nur andere.

Die Einführung der Psychopharmaka veränderte die Psychiatrie. Mögen sie in mancher Hinsicht unvollkommen sein, sie eröffnen vielfältige Einwirkungsmöglichkeiten auf krankhaftes menschliches Verhalten sowie Stimmungen und Gefühle. Diese Chance für die psychiatrische Behandlung beinhaltet zugleich eine Gefahr, den Missbrauch.

Nach oben

Psychopharmaka im psychiatrischen Alltag

Medikamente sind aus dem heutigen psychiatrischen Alltag nicht wegzudenken. In Kombination mit Psychotherapie und Soziotherapie bestimmen sie die Behandlung. Dabei ist eine pragmatische Vorgehensweise gefragt. Fachliche Inkompetenz und ideologische Verzerrungen können eine hilfreiche Anwendung nur behindern. Leistungsfähigkeit und Risiken einzelner Psychopharmaka müssen bekannt sein.

Psychopharmaka unterdrücken Symptome psychischer Störungen wie Angst, Depressivität oder Halluzinationen. Sie leiten günstigenfalls eine Wendung im Krankheitsgeschehen ein, die Krankheitsursachen beheben sie nicht. Psychopharmaka sind Krücken. Ein neues Bewusstsein können sie nicht vermitteln. Wo sie dies scheinbar tun, verfälschen sie das Erleben, stören den Realitätsbezug und führen zu Abhängigkeit. Bezeichnenderweise misst die öffentliche Kritik die Leistung der Psychopharmaka nicht an ihrem Anspruch, Krücke zu sein, sondern an den unrealistischen Versprechungen der Werbung.

Nach oben

Indikation

Die heute zur Verfügung stehenden Psychopharmaka sind nach allen Untersuchungen unentbehrliche Hilfsmittel bei der Behandlung schwerer psychischer Störungen. Dazu gehören Schizophrenien, manisch-depressive Erkrankungen, akute Ängste oder depressive Störungen mit akuter Suizidalität. Psychopharmaka beseitigen nicht die Krankheit.

Die uns heute zur Verfügung stehenden Medikamente sind nur ein grobes Instrumentarium. Aber bei überlegtem, gezieltem Einsatz kann man mit ihnen sehr viel erreichen. Sie helfen, die quälenden, lebensbehindernden Beschwerden zum Verschwinden zu bringen oder zu lindern.

Doch Psychopharmaka haben nicht nur erwünschte, sondern auch unerwünschte Wirkungen. Deshalb ist es wichtig, das Ausmaß der Krankheit gegenüber den Nebenwirkungen eines Medikaments abzuwägen. Wo Medikamente Leben retten, wo sie das Leben erträglich machen oder gar eine befriedigende Lebensqualität und einen möglichst normalen Alltag mit Privatleben und Arbeit ermöglichen, lohnt ihr Einsatz.

Nach oben

Literatur

  • Aderhold, V.: Partizipativer Umgang mit Neuroleptika. Subjektorientierte kooperative Psychopharmakotherapie psychotischer Menschen in: Knuf, A., Osterfeld, M., Seibert, U. (Hg.): Selbstbefähigung fördern. Empowerment und psychiatrische Arbeit. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2007
  • Aderhold, V.; Alanen Y; Hess, G., Hohn, P. (Hg.): Psychotherapie der Psychosen. Psychosozial-Verlag, Gießen 2003
  • Bandelow, B.; Bleich, S.; Kropp, S.: Handbuch Psychopharmaka. Hogrefe Verlag, Göttingen 2004
  • Benkert, O.; Hippius, H.: Kompendium der psychiatrischen Pharmakotherapie. Springer Verlag, Heidelberg 2006
  • Lehmann, P.: Schöne neue Psychiatrie. Antipsychiatrie-Verlag, Berlin 1996
  • Weinmann, S.: Erfolgsmythos Psychopharmaka - Warum wir Medikamente in der Psychiatrie neu bewerten müssen. Psychiatrie-Verlag, 2. Auflage, Bonn 2010

Nach oben

Suche

Derzeit befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Asmus Finzen: Habilitation und Professur für Sozialpsychiatrie in Tübingen, ab 1975 Direktor des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Wunstorf. Bis 2003 stellvertretender Ärztlicher Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik in Basel.

Text von Asmus Finzen aus BApK (Hg.): Mit psychisch Kranken leben. Rat und Hilfe für Angehörige. Balance buch + medien Verlag, 5. Auflage 2014

Fragen von Familien

Antworten auf Fragen von Familien geben Nils Greve, Barbara Diekmann und Margret Osterfeld in einer Broschüre der Familienselbsthilfe Psychiatrie.

Bücher zum Thema

Asmus Finzen: Medikamenten- behandlung bei psychischen Störungen. Psychiatrie-Verlag, 2. Auflage, Bonn 2009