Antidepressiva

Antidepressiva sind Medikamente, die zur Behandlung phasisch verlaufender Depressionen eingesetzt werden: bei so genannten endogenen Depressionen oder in depressiven Phasen bei manisch- depressiven Erkrankungen. Dies gilt unbeschadet der Tatsache, dass auch Neuroleptika und Tranquilizer antidepressive Wirkungen haben können, letztere insbesondere bei reaktiven Verstimmungszuständen.

Von manchen wird eine Depression ausschließlich als Ausdruck von Lebensgeschichte und Lebenssituation betrachtet, bei der der Einsatz von Psychopharmaka sich verbietet. Die psychiatrische Erfahrung zeigt jedoch, dass Antidepressiva zahlreichen depressiven Kranken unabhängig von der vermuteten Ursache der Störung wirksam helfen.

Wichtig ist, dass sie nicht freihändig ausgeteilt werden. Ihr Einsatz setzt eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung voraus. Bei bestimmten schweren depressiven Verstimmungszuständen bedeutete der Verzicht auf eine antidepressive Medikamentenbehandlung ein unnötig langes Leiden und ein hohes Suizidrisiko.

Das Einsatzgebiet der Antidepressiva hat sich in den letzten Jahren stark erweitert. Vor allem die neueren Antidepressiva (SSRI und Verwandte, s. weiter unten) werden auch bei Ängsten und Zwängen sowie bei Persönlichkeitstörungen gegeben. Das bedarf der kritischen Begleitung.

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Wirkungsqualitäten

Ähnlich wie Tranquilizer und Neuroleptika sind die einzelnen Antidepressiva nicht grundsätzlich verschieden. Man unterscheidet vor allem drei Wirkungsqualitäten, die bei den verschiedenen Antidepressiva unterschiedlich ausgeprägt sind:

  • vorwiegend dämpfende,
  • vorwiegend depressionslösende und stimmungsaufhellende,
  • vorwiegend aktivierende und antriebssteigernde Wirkungen.

Eine Antriebssteigerung ist in der Regel leichter und rascher zu erreichen als eine Stimmungsaufhellung. Aktivierung äußert sich bei Depressiven häufig lediglich in innerer Unruhe. Eine Antriebssteigerung bei tief depressiven Kranken kann die Suizidgefahr steigern. Deshalb kann bei solchen Patienten eine dämpfende Wirkung eher erwünscht sein. Antriebssteigerung und Aktivierung lassen sich eher erreichen, wenn es gelingt, die Stimmung aufzuhellen und die Depression unter dem Schutz einer allgemeinen psychomotorischen Dämpfung zu »lösen«.

Die Wirkung der Antidepressiva lässt auf sich warten. Ungeduld ist deshalb nicht am Platze und ein rascher Medikamentenwechsel zum Schaden des Patienten. Am raschesten – noch am Tag des Therapiebeginns – tritt die dämpfende Wirkung ein. Erst nach 10 bis 14 Tagen, bei manchen Substanzen auch erst nach vielen Wochen, ist mit einer stimmungsaufhellenden, depressionslösenden Wirkung zu rechnen.

Deswegen muss zu Beginn einer Behandlung notfalls zusätzlich ein anderes beruhigendes und angstlösendes Medikament eingesetzt werden. Antidepressiva wirken wie Neuroleptika auf die Symptome. Ob sie die depressiven Phasen tatsächlich aufheben und verkürzen, ist umstritten. Bei manisch-depressiven Erkrankungen können Antidepressiva einen Stimmungsumschwung einleiten, der schlimmstenfalls zum Kippen in die Manie führt.

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Unerwünschte Wirkungen

Unerwünschte Wirkungen sind bei den so genannten trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin (trizyklisch, weil sie chemisch aus drei Benzolringen bestehen) besonders ausgeprägt: Beschleunigung des Herzschlags, herabgesetzte Kreislaufregulation mit Blutdruckabfall, Mundtrockenheit, Sehstörungen, vermehrtes Schwitzen und Zittern.Bei den Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und Verwandten stehen im Vordergrund Schwitzen, Durchfall und gelegentlich eine Bewegungsunruhe (Akathisie). Zu Beginn der Behandlung sind diese Nebenwirkungen am stärksten.

In seltenen Fällen können Antidepressiva herzschädigend wirken, Krampfanfälle auslösen, Blutbildveränderungen hervorrufen und Verwirrtheit und wahnhaft-paranoid-halluzinatorische Symptome produzieren. Antidepressiva beeinträchtigen auch die Blasen- und Darmfunktion und sie stören sexuelle Gefühle sowie sexuelle Aktivität. Sie führen zu Appetitsteigerung und gelegentlich zu erheblicher Gewichtszunahme.

Nicht verabreicht werden sollen Antidepressiva bei akuten Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis, bei grünem Star, einer Vergrößerung der Prostata oder Störungen beim Wasserlassen. Im höheren Lebensalter muss die Dosis deutlich herabgesetzt werden. Vergiftungen mit Antidepressiva sind gefährlich. Bei Blutdruckabfall, Bewusstlosigkeit oder deutlicher Bewusstseinstrübung oder Komplikationen der Atmung muss ein Patient auf eine medizinische Intensivstation verlegt werden.

Bei bekannter Suizidgefährdung sollten kleinere Packungen verordnet oder auf Antidepressiva mit geringgradigerem Vergiftungsrisiko ausgewichen werden.

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Gruppen

Bei den Antidepressiva unterscheidet man heute eine Reihe von unterschiedlichen chemischen Gruppen mit unterschiedlichen Wirkungsprinzipien.

  • Die klassischen trizyklischen Antidepressiva gelten als Antidepressiva der ersten Generation.
  • Die so genannten tetrazyklischen Antidepressiva (mit vier Benzolringen) wie etwa Ludiomil und Tolvin gehören zur zweiten Generation. Sie unterscheiden sich aber nur graduell von den »klassischen« Substanzen in Wirkungen und Nebenwirkungen.
  • Demgegenüber beruhen sowohl die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie die selektiven Monoamin-Oxidasehemmer auf neuen Wirkungsprinzipien:

Als Beispiel für ein trizyklisches Antidepressivum sei Amitriptylin (Laroxyl, Saroten, Tryptizol) genannt. Amitriptylin wirkt verhältnismäßig stark dämpfend und stimmungsaufhellend. Die Nebenwirkungen sind nicht gering; die antidepressive Wirkung ist gut. Paroxetin (Seroxat, Deroxat) gehört zu den neuen Antidepressiva, zu den selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI). Die Nebenwirkungen sind verhältnismäßig gering, wahrscheinlich jedoch noch nicht alle bekannt. Deshalb ist besonders sorgfältig auf eintretende Wirkungen zu achten. Es wird wie andere SSRI und verwandte Substanzen vor allem für leichtere depressive und mittelgradige Symptome empfohlen. Weitere Gruppen sind Spezialisten vorbehalten.

Die Behandlung von depressiven Symptomen bei Kranken mit schizophrenen Psychosen kann unter Umständen, aber mit Vorsicht, mit einem Antidepressivum erfolgen. Vorher muss geklärt sein, dass eine antidepressive Wirkung nicht durch andere Maßnahmen erreicht werden kann. In keinem Falle sollte eine Selbstmedikation erfolgen.

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Asmus Finzen: Habilitation und Professur für Sozialpsychiatrie in Tübingen, ab 1975 Direktor des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Wunstorf. Bis 2003 stellvertretender Ärztlicher Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik in Basel.

Text von Asmus Finzen aus BApK (Hg.): Mit psychisch Kranken leben. Rat und Hilfe für Angehörige. Balance buch + medien Verlag, 5. Auflage 2014