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Der dritte Sozialraum als Handlungsort gemeindepsychiatrischer Organisationen

»Kochrezepte« d.h. genaue Anleitungen, wie man dieses bürgerschaftliche Engagement in der Psychiatrie in der eigenen Einrichtung vorantreiben kann, bietet das Buch nicht – aus gutem Grund, sind doch die Bedingungen vor Ort jeweils sehr unterschiedlich. Wer sich aber Anregungen holen will, dem sei dieses Buch sehr empfohlen.

Das lob ich mir: ein Buch, in dem schon im allerersten Satz klar und verständlich gesagt wird, worum es im weiteren Text gehen wird: »freiwilliges Engagement für und mit psychiatrieerfahrenen Menschen«. Ein besonders engagierter und bedeutender Förderer der erstgenannten Möglichkeit ist die herausgebende Institution, der Dachverband Gemeindepsychiatrie, in dem sich u.a. auch die früher »Laienhelfer«, jetzt Bürgerhelfer, genannten freiwilligen und ehrenamtlichen Helfer organisieren. Vor dem geschichtlichen Rückblick und der Einordnung der Bürgerhilfe in die Geschichte der Psychiatrie und des Dachverbands steht allerdings dankenswerterweise eine Begriffsklärung – wer blickt da sonst denn noch durch, was nun der Unterschied zwischen ehrenamtlich, bürgerschaftlich, freiwillig ist? Auch der »dritte Sozialraum« wird definiert, ein Trost für alle, die nicht öffentlich zugeben mochten, nicht zu wissen, was das eigentlich sein soll.

Die beiden Autoren, Birgit Görres und Christian Zechert, nähern sich dem Thema zunächst einmal »von oben«, in dem sie Strukturen zum Aufbau und zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements auf gesamteuropäischer Ebene beleuchten. Dann gehen sie an das Thema »von außen nach innen« heran: Sie beschreiben die Situation in England und den Niederlanden, wo Freiwilligenarbeit einen viel höheren und staatlich stärker unterstützen Stellenwert hat, bevor sie auf die deutsche Situation zu sprechen kommen. Dabei fangen sie nicht bei der Psychiatrie an, sondern bei den internationalen, nationalen und regionalen Strukturen, Netzwerken, Instanzen, Initiativen und Forschungen zum bürgerschaftlichen Engagement. Erst dann kommen die psychiatrischen Selbsthilfeorganisationen mit vielen konkreten Beispielen in den Blick. Dieses Vorgehen weitet den Blick erheblich, und dürfte auch die notorischen Skeptiker (»mit unseren Klienten geht das nicht«) überzeugen oder zumindest zum Umdenken anregen.

Bei der Lektüre wird deutlich: zum einen: Bürgerschaftliches Engagement braucht Strukturen, Infrastruktur und finanzielle Ressourcen. Selbst wenn die eigentliche Arbeit unentgeltlich geleistet wird, kostenlos kann bürgerschaftliches Engagement nicht sein!

Was die Mitarbeit von Psychiatrie-Erfahrenen angeht, hat es mich erleichtert, dass das Buch aufzeigt: Es genügt eben nicht, einem beschäftigungslosen Psychiatrieerfahrenen einfach »etwas Ehrenamtliches« vorzuschlagen. Wie bei den anderen Freiwilligen-Organisationen sind Vermittlung, Begleitung, Beratung und auch Schulung nötig. In manchen Projekten sind Psychiatrieerfahrene als leitende oder anleitende Personen tätig. Andere wollen ihren Einsatz lieber in einem etwas geschützteren oder stärker begleiteten Rahmen einbringen. Manche fühlen sich eher zu praktischen Tätigkeiten – Gartenarbeit, Koch- und Kreativprojekten – hingezogen, andere bevorzugen Mund- und Kopfarbeit. Wie andere Menschen eben auch. Angesichts der Fülle der schon verwirklichten Möglichkeiten muss man sich fragen, weshalb manche Landstriche auf der Landkarte des »bürgerschaftlichen Engagements in der Psychiatrie« eigentlich noch so weiß sind. Lesens- und bedenkenswert ist in diesem Zusammenhang besonders das Leitbild für freiwilliges Engagement in der Psychiatrie des Dachverbands Gemeindepsychiatrie (S. 106).

Angenehm überrascht war ich, dass in diesem Buch, das sich die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements zum Ziel gesetzt hat, die Probleme und Schwierigkeiten, wenn auch nicht ausführlich diskutiert, so doch benannt werden – zum Beispiel die Gefahr der Verdrängung von bezahlten Arbeitsplätzen. Auch auf das nicht immer einfache Verhältnis von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitern wird eingegangen. Spannend fand ich die These der Autoren, im Zuge der erstarkenden Bürgergesellschaft sei nicht ein Abbau von Professionalität (in den psychosozialen Berufen) notwendig, sondern ein Umbau (S. 110).

»Kochrezepte« d.h. genaue Anleitungen, wie man dieses bürgerschaftliche Engagement in der Psychiatrie in der eigenen Einrichtung vorantreiben kann, bietet das Buch nicht – aus gutem Grund, sind doch die Bedingungen vor Ort jeweils sehr unterschiedlich. Wer sich aber Anregungen und Ideen holen und sich über Netzwerke und Strukturen informieren will (dazu helfen auch die vielen Verweise auf Internetseiten), dem sei dieses Buch sehr empfohlen.

Birgit Görres, Christian Zechert: Der dritte Sozialraum als Handlungsort gemeindepsychiatrischer Organisationen. Herausgegeben vom Dachverband Gemeindepsychiatrie und dort (dachverband@psychiatrie.de) für 5 Euro zu beziehen.

Sibylle Prins in Psychosoziale Informationen 1/2010