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"Kiffende Verrückte oder verrückte Kiffer?" Was Jean Hermanns, therapeutischer Leiter der suchtpsychiatrischen Abteilung des Psychiatrischen Zentrums Rickling, so lax formuliert, ist ein Grundproblem bei der Behandlung von Cannabissüchtigen. Denn: Immer mehr Haschraucher leiden nicht nur unter der Abhängigkeit, sondern gleichzeitig unter psychischen Störungen aller Art, vor allem Psychosen, aber auch Angststörungen, Depressionen und anderen Problemen.
Aber benebeln sich Menschen, um die Symptome einer Krankheit in den Griff zu bekommen? Oder löst Cannabis die Störung aus? Wirkt die Droge als Pfadfinder, lässt also eine Psychose akut werden, die früher oder später ohnehin ausgebrochen wäre?
Das Henne-Ei-Problem
"Es ist das Henne-Ei-Problem", sagt Hermanns. In der 70 Betten umfassenden Suchtstation des Hauses leiden im Schnitt 40 der Patienten unter Komorbidität, also Sucht plus weiterer Störung. "Wir haben hier eigentlich alles: Leute, die gegen Symptome ankiffen, Leute, die nach dem ersten Joint eine Schizophrenie entwickeln, und Leute, die nach vielen Jahren Abhängigkeit eine Psychose kriegen", sagt Hermanns. Das Ricklinger Team geht pragmatisch mit diesen Patienten um: "Wir behandeln die Sucht und die Störung gleichzeitig."
Das Klientel ist jung - und überwiegend männlich
Unter anderem wird der Patient durch Psychoedukation zum Experten für seine Krankheit gemacht, es gibt zahlreiche Angebote, die von Trommelkursen über Graffiti bis zu Sport reichen. Denn das Klientel ist jung - und überwiegend männlich: "Da muss es einen gewissen Eventcharakter bei der Behandlung geben." Die Patienten bleiben acht, manchmal auch zehn Wochen im Haus, hinterher wird versucht, sie durch Praktika und andere Maßnahmen wieder in den Alltag zu integrieren. Dafür arbeitet die Klinik mit Organisationen in den verschiedenen Regionen des Landes zusammen. Der Cannabiskonsum, das zeigen Zahlen aus ganz Europa, nimmt zu: 42 Prozent der 25-Jährigen in Deutschland haben schon einmal gekifft, bei jungen Männern ist der Anteil noch höher. Und die "weiche Droge" hat einen guten Ruf, sie gilt als natürlicher Stoff: "Ich hatte einen Patienten, der allen Ernstes meinte, in dem Joint müsse was Schlechtes dringewesen sein, sonst hätte er keine so üble Wirkung gehabt", erinnert sich Hermanns. Tatsächlich wird Hasch härter und gefährlicher: Cannabis-Züchter versuchen, den Inhaltsstoff Canabidiol wegzuzüchten, der der Substanz THC entgegenwirkt - die Folgen könnten verheerend sein.
Die Frage, ob Verrückte kiffen oder Kiffer verrückt werden, ist also hoch aktuell - Studien fehlen aber. Das Psychiatrische Zentrum Rickling arbeitet gemeinsam mit der Kieler Christian-Albrecht-Universität daran, diese Wissenslücke zu verkleinern: "Wir haben das Datenmaterial in Form der Patienten, die Universität hat Wissen und Methoden", beschreibt Hermanns. Im Oktober begann die Studie zur "Psychopathologischen und neuropsychologischen Differenzialdiagnostik bei Komorbidität von Cannabisabhängigkeit und Psychose", im Februar sollen erste Ergebnisse vorliegen.
Cannabiskonsum
Untersucht werden drei Gruppen: Komorbide Patienten, Langzeit-Kiffer ohne weitere Störung und Schizophrene ohne Suchtbelastung: "Gerade die zu finden, ist schwierig", berichtet Hermanns - ein weiteres Zeichen dafür, wie eng Cannabiskonsum und psychische Störung zusammenhängen. Alle drei Gruppen werden von den Fachleuten - Professor Roman Ferstl zählt mit zum Team, Forschungsbeauftragte ist die Psychologin Ninja Raack, dazu kommen weitere Mitarbeiter des Hauses und von der Universität - begutachtet, dann folgen Tests. Beim "Iowa Gambling-Task" etwa muss der Proband erkennen, dass er langfristig mehr erreicht, wenn er bei einem Spiel sichere, kleine Gewinne einstreicht, statt bei großem Risiko auf den großen Wurf zu hoffen. Eben das fällt Süchtigen oft schwer. Das Ergebnis dieses und ähnlicher Tests könnte am Ende aussagen, ob ein komorbider Patient eher "verrückter Kiffer" oder "kiffender Verrückter" ist.
"Der Idealfall wäre, dass wir ein Testverfahren entwickeln, das diese Frage beantwortet", wünscht sich Jean Hermanns. Das hilft vor allem bei der Weiterbehandlung eines Patienten - etwa bei der Frage, ob zur Prophylaxe Medikamente gegen eine neue Psychose verschrieben werden müssen.
Esther Geißlinger in Eppendorfer 11/2005
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