Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Psychiatrie Verlag

Teilhabe, Teilhabemanagement und die ICF

"Die Hilfeplangespräche sind sehr anstrengend und nervig!" Menschen mit Behinderungen sind nicht immer zufrieden mit der Art und Weise, wie Hilfeplanung gestaltet wird und wie sie darin einbezogen werden. Das zeigt dieses Zitat aus einer Evaluation von Hilfeplangesprächen durch Leistungsberechtigte in einem schleswig-holsteinischen Kreis.

Gerd Grampp, Susanne Jackstell und Nils Wöbke tragen mit ihrem Buch "Teilhabe, Teilhabemanagement und die ICF" ganz wesentlich dazu bei, dass sich das künftig ändern könnte. Alle Akteure im Feld psychosozialer Hilfen stehen vor der Herausforderung, das im UN-Übereinkommen und in der ICF verankerte Verständnis von Inklusion, Partizipation und Teilhabe als Grundlage der Hilfeplanung und Hilfeleistung umzusetzen. Aber allzu leicht lässt man sich dabei abschrecken von den manchmal doch recht trockenen, abstrakten Formulierungen der ICE oder verstrickt sich zu sehr in Formalien.

Theoretisch äußerst fundiert und differenziert

Grampp, Jackstell und Wöbke ist es gelungen, eine theoretisch äußerst fundierte und differenzierte Betrachtung des Teilhabemanagements in all seinen Facetten zu verbinden mit ganz praktischen und praxisnahen Handreichungen für den Arbeitsalltag. Was ist Teilhabe? Wie geht Teilhabe? Anhand dieser beiden Leitfragen nähern sich die Autoren an die Begriffe aus dem Buchtitel an: Teilhabe, Teilhabemanagement und ICF.

Dabei wird die erste Frage im ersten Teil des Buchs beantwortet. Begriffe und Grund lagen des Teilhabemanagements werden erläutert, das UN-Übereinkommen über die Rechte behinderter Menschen wird vorgestellt, die Sozialgesetzbücher SGB IX (dessen Behinderungsbegriff als einseitig entlarvt wird) und SGB XII sowie die ICF selbst. Im Anschluss werden Merkmale des Teilhabemanagements abgeleitet: Screening, Assessment, Assignment, Intervention und Evaluation.

Sachlich und sachkundig

Es ist den Autoren hoch anzurechnen, dass sie die heute all gegenwärtigen und häufig als plakative Worthülse gebrauchten Begriffe wie Teil habe, Inklusion oder Partizipation sehr sorgfältig definieren und gegeneinander abgrenzen. Der Tonfall ist dabei sachlich und sachkundig, ohne moralischen Impetus. So wird auch der zu Unrecht oft als veraltet bezeichnete Begriff der Integration rehabilitiert und dargestellt, dass auch die Integration durchaus ihre Berechtigung hat.

Durch das Paradigma der Integration werden Menschen darin unterstützt, ihre Fähigkeiten so zu entwickeln, dass sie sich in die von ihnen gewünschten Strukturen und Prozesse der Gesellschaft eingliedern können. Dieses Recht auf Unterstützung bei der Entwicklung der eigenen Person ist neben dem Recht auf Einbezogensein in die Strukturen und Prozesse der Gesellschaft für behinderte Menschen (Inlklusion) eine wichtige Forderung der UN-Behindertenrechtskonvention, wie man hier in er freundlicher Klarheit lesen kann. Auch die Definition und Abgrenzung der Begriffe der ICF wie Leistungsfähigkeit, Funktionsfähigkeit und Behinderung sind sehr klar und informativ.

Das Wesentliche der ICF

Dabei gelingt den Autoren das Kunststück, sich nicht zwischen Core-ltems und Checklisten zu verzetteln, sondern das Wesentliche an der ICF herauszuarbeiten. Der Geist des biopsycho-sozialen Modells wird deutlich. Besonders gelungen ist das ICE-basierte Kompetenz-Performanz-Modell. Es vermittelt sehr anschaulich, dass nicht nur die Teilnahmekompetenz des Menschen mit Behinderung, sondern auch die Teilgabekompetenz der Umwelt bestimmt, wie gut Partizipation und Teilhabe möglich sind. Auch auf Kritik an der ICF gehen die Autoren ein, beispielsweise bezogen auf den Umfang und die Verständlichkeit der Items.

Im zweiten Teil des Buches wird dann die Frage beantwortet, wie Teilhabe eigentlich geht. Nachdem zuvor ein interessanter Überblick über bereits realisierte Projekte zur Nutzung der ICF in der Hilfeplanung vonseiten der Leistungsträger und Leistungserbringer gegeben wurde, werden nun zwei Instrumente zum Teilhabemanagement vorgestellt, die in der Praxis und für die Praxis entwickelt wurden: das TeilhabeGestaltungsSystem (TGS) und das TeilhabeManagementSystem (TMS).

Teilhabeplanung präziser und partizipativer gestalten

Beide Systeme bilden alle Lebensbereiche ab, dabei hat das TMS einen Schwerpunkt auf dem Lebensbereich Arbeit und das TGS auf dem Lebensbereich Wohnen. Beide Systeme basieren auf der ICF, wobei die Autoren betonen, dass diese kein Hilfeplanungsinstrument ist, aber dazu beitragen kann, den Prozess der Teilhabeplanung präziser und partizipativer zu gestalten. Beide Systeme wurden von Fachleuten aus unterschiedlichen Einrichtungen aus der Praxis entwickelt, beim TGS unter konsequenter Beteiligung von Menschen mit Behinderungen, bei TMS mit wissenschaftlicher Begleitung. TGS und TMS sind auch als EDV Version verfügbar. Einige Screenshots erläutern, wie die Benutzeroberfläche der Programme aussieht. Allerdings sind sie so klein geraten, dass sie fast nicht lesbar sind.

Methoden und Vorgehensweisen

Sehr anschaulich werden dagegen die Methoden und Vorgehensweisen beschrieben. Dabei schauen die Autoren ganz genau hin: Haben Sie sich schon mal überlegt, was man alles können muss, wenn man selbstständig einkaufen möchte? Und welche Ressourcen die Umwelt dafür bereithalten muss? Der Prozess der Hilfeplanung wird anhand dieses Beispiels gut nachvollziehbar dargestellt und nicht zuletzt mit praktischen Hilfsmitteln im Downloadbereich ergänzt. Beispielsweise einer PIN-Code-Schablone für den Geldautomaten, damit auch das selbst ständige Abheben von Geld gelingen kann.

Die Einbeziehung und Beteiligung behinderter Menschen an der Entwicklung der Instrumente zur Teilhabeplanung und zum Teilhabemanagement war für die Autoren ein zentrales Anliegen. Es gibt einen umfangreichen Downloadbereich mit Materialien, die im Praxisprojekt TGS gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen entwickelt wurden. Diese Materialien sind in einfacher Sprache gestaltet und bieten wichtiges, praxisnahes Arbeitsmaterial für die Fachkräfte im Prozess der Hilfeplanung und der Unterstützung von Menschen mit Behinderungen. Auch die wesentlichen Inhalte des Buches sind in einfacher Sprache im Downloadbereich abrufbar.

Theoretische Grundlagen und praxisbezogene Instrumente

Durch die Kombination von theoretischen Grundlagen und praxisbezogenen Instrumenten ist das Buch für alle Einrichtungen und Fachkräfte von Interesse, die Teilhabe planen und Teilhabeleistungen erbringen. Dabei bekommen Vertreter der Leistungsträger wichtige Impulse für die Gestaltung von Hilfeplanungsprozessen, die für Menschen mit Behinderung wirklich hilfreich sind. Fachkräfte bei den Leistungserbringern erhalten Anregungen für eine systematische, ICF-basierte Gestaltung des Teilhabemanagements, wobei die ICF ihre bisweilen abschreckende Wirkung durchaus verliert. Und die Leistungsberechtigten profitieren von den Materialien und der Zusammenfassung des Buches in leichter Sprache.

Das Buch leistet eine präzise Auseinandersetzung mit dem Teilhabemanagement und eine wichtige Hilfestellung für die Übertragung in die Praxis. Die ICF soll auch zur Herstellung von mehr Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen dienen. Dieses Buch ist ein Beitrag dazu. Damit Hilfeplangespräche künftig nicht mehr anstrengend und nervig sind!

Irmgard Plößl in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 10.05.2017