Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Professionelle Pflege bei Zwangsstörungen

Es erstaunt, dass die Professionalisierung und Akademisierung der psychiatrischen Pflege nicht für das Verschwinden so mancher weißer Flecken bei der inhaltlichen Beschäftigung mit Pflegekonzepten sorgt. Mit dem Band "Professionelle Pflege bei Zwangsstörungen", das Volker Röseler soeben in der "better care"-Reihe des Psychiatrie Verlags veröffentlicht hat, sorgt er nun für die Reduzierung der weißen Flecken.

Klar strukturiert und gut lesbar

Röseler gelingt mit dem klar strukturierten und gut lesbaren Buch, einer sicher verbreiteten Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit gegenüber Zwangsstörungen etwas Entscheidendes entgegenzusetzen: Handwerkszeug. Es ist nicht alltäglich, aber doch hat es keinen Seltenheitswert, dass Pflegende in verschiedenen psychiatrischen Versorgungssettings Menschen begegnen, die an ihren Zwangserkrankungen leiden. Mit dem Buch "Professionelle Pflege bei Zwangsstörungen" gibt es nun erstmals eine systematische Handreichung.

Es ist nicht nur so, dass psychiatrisch Pflegende sich mit dem eigenartigen Phänomen der Zwangsstörungen nähern müssen. Nein, schon die Lektüre des Röseler-Buchs ist mit einem Herantasten an etwas Fremdes zu vergleichen. Röseler, der auf einer Psychotherapie-Station im Sanatorium Kilchberg bei Zürich arbeitet, macht immer wieder darauf aufmerksam. Denn er ist eine große Aufgabe, mit einer klaren Struktur und deutlicher Abgrenzung den Zwangsphänomenen zu begegnen.

Praxis lebendig beschrieben

Röseler orientiert sich an den Grundsätzen des Pflegeprozesses und schafft es, Praxis lebendig zu beschreiben sowie Theorie und Erfahrung in der Begegnung mit zwangsgestörten Menschen nutzbringend zu verbinden. Dem begleitenden Menschen muss nach Meinung Röselers wohl erst einmal deutlich werden, welchen Sinn diese Erkrankung haben kann: "Dass die Entwicklung einer psychischen Störung eine individuelle Funktion, also einen Sinn, hat, ist für viele Betroffene eine neue und wichtige Information. (...) Insofern ist das Erstellen des individuellen Störungsmodells durch die Einzeltherapeuten und die Herausarbeitung der individuellen Funktion, die die Zwangsstörung für die Betroffenen hat, ein wesentlicher Bestandteil des Therapieprozesses." (S.27)

Er macht auch schnell deutlich, dass die Bereitschaft eines betroffenen Menschen eine nicht zu unterschätzende Konsequenz hat. Die Betroffenen verlören eine ihnen bisher sehr wichtige Copingstrategie. Es entstehe möglicherweise ein Vakuum, "das so schnell wie möglich mit neuen Fähigkeiten gefüllt werden sollte" (S.27). Es geht Röseler natürlich nicht nur darum, dass psychiatrisch Pflegende Zwangsphänomene verstehen. Er zeigt die Breite an Unterstützungsmöglichkeiten und Motivationsfaktoren auf.

Längst überfällig

Damit gibt er der Begegnung mit Zwangsphänomenen ein klares System, das in Versorgungssettings oft schmerzlich vermisst wird. Sehr ausführlich stellt Röseler die Möglichkeiten von Expositionstrainings vor. "Ein Expositionstraining ist eine recht kompromisslose Angelegenheit. Deshalb sind Expositionsübungen sowohl für die Betroffenen anstrengend wie auch für beteiligten psychiatrischen Fachpersonen anspruchsvoll. Die Rückeroberung von Zeit und Raum erfordert konsequentes Verhalten von allen Beteiligten", schreibt Röseler.

Fazit: Das Buch "Professionelle Pflege bei Zwangsstörungen" ist mehr als überfällig gewesen.

Christoph Müller für die DFPP - Deutsche Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege e.V.

Letzte Aktualisierung: 11.05.2017