Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Zwei sich gut ergänzende Bücher

Fast gleichzeitig sind zwei sich gut ergänzende Bücher zum Thema Integrationsfirmen erschienen. Das eine bietet einen bunten Strauß vielfältiger Informationen und Eindrücke, während das zweite dem tiefer Interessierten rechtliche und politische Hintergründe erläutert und eine Schritt-für-Schritt-Arbeitshilfe zur Gründung eines eigenen Integrationsunternehmens bietet.

Einladung zum stöbern

Das erste, herausgegeben von der Bundesarbeitsgemeinschaft Integrationsfirmen, lädt Neugierige mit einer Vielzahl von Beiträgen verschiedener Autorinnen zum Stöbern ein. Die Leser erfahren schon zu Anfang, wie wichtig Stiftungen wie die Freudenberg Stiftung und die Aktion Mensch für den Aufbau fast jeder einzelnen Firma sind. So hat die Aktion Mensch seit dem Jahr 2000 über 150 Millionen Fördergelder an einzelne Betriebe ausgeschüttet.

Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung sieht die Integrationsfirmen als Träger einer "systemrelevanten Aufgabe". Sie seien das "ausführende Organ des Grundgesetzartikels 3", der die Gesellschaft dazu verpflichtet, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. "Integrationsfirmen bieten Chancen für Chancenlose. Sie sind mit schwerbehinderten Mitarbeitern erfolgreich. Integrationsfirmen arbeiten effektiv, effizient und wirtschaftlich. Weil sie täglich den Spagat zwischen den sozialen und den wirtschaftlichen Zielsetzungen schaffen müssen."

Umfangreiche Zahlen

Peter Stadler untermauert dies mit umfangreichen Zahlen: Mittlerweile arbeiten über 22.500 Menschen in Integrationsfirmen. Davon sind über 10.000 anerkannt schwerbehindert und von diesen wiederum etwa 2.700 Beschäftigte mit psychischen Beeinträchtigungen. Alle diese Menschen arbeiten also auf regulären Arbeitsplätzen in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Stadler betont, dass bei genaueren Untersuchungen sich nur etwa 11,5 % der Umsätze als Förderungen von Staat oder Stiftungen erwiesen. Also sind 88,5 % genauso erwirtschaftet, wie von anderen Unternehmen auch. Die als Förderung investierten Beträge würden sich dabei für den Staat doppelt bis dreifach wieder auszahlen, weil Steuern und Sozialversicherung an ihn zurückfließen.

Interessant fand ich auch, im Beitrag von Herrn Glutsch zu lesen, dass in der DDR jeder Betrieb 10 % Menschen mit Schwerbehinderung beschäftigen musste. Vermutlich wurde dies auch ziemlich flächendeckend erfüllt – im Gegensatz zu der aktuell in Deutschland geltenden 5 %-Pflichtquote, die nur zu etwa 60 % realisiert ist. Es gab in der DDR in ca. 500 Betrieben "geschützte Betriebsabteilungen" mit etwa 6.200 dort beschäftigten Menschen. Solche Abteilungen würden heutzutage auch zu den "Integrationsprojekten" zählen. Dieser Oberbegriff fasst Integrationsabteilungen und Integrationsfirmen zusammen – ein kleines Erbe der DDR.

Der starke Schutz für behinderte Beschäftigte wurde mit der Wende massiv abgebaut: 70.000 Menschen mit Schwerbehinderung wurde gekündigt. Viele gingen in vorzeitige Rente. Dies traf auch die geschützten Betriebsabteilungen. Heute existieren nur noch neun. Ab Ende der Neunzigerjahre wurden immerhin 154 Integrationsfirmen im Osten aufgebaut, in denen 1.230 Menschen mit Schwerbehinderung ihren Arbeitsplatz gefunden haben.

Christian Gredig erklärt in seinem Artikel, warum der Anteil von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen an der Mitarbeiterschaft gesunken ist (37 % in 2005 auf 27 % in 2012). Durch das Wachstum der Firmen ist aber die Gesamtzahl in derselben Zeit von knapp 2.000 auf 2.700 gestiegen.

Als Experte für Zuverdienst-Beschäftigung setzt sich Gredig in einem zweiten Artikel für die Absicherung und Ausweitung dieses Angebotes ein. Gerade für Menschen mit psychischer Beeinträchtigung seien auch wenige Stunden Arbeit pro Woche von heilsamer Wirkung.

Die Gründergeneration

Mitarbeiterinnen mit Behinderungen aus Integrationsfirmen kommen ausgiebig in zwei Beiträgen zu Wort. Kritische Töne liest man hier höchstens zwischen den Zeilen. Typisch ist die Äußerung von Claudia W.: "Ich bin einfach glücklich. Zwei Wochen nachdem ich hier begonnen habe, habe ich meine ganzen Antidepressiva weggeworfen. Das waren immerhin drei verschiedene."

Auch die Gründergeneration lernt der Leser kennen. Helmut Landwehr und Rolf Simon, beide längst in Rente, erzählen von ihren Anfängen Ende der 70er in Gütersloh. Ebenso berichten die Pioniere der 80er aus Berlin und Kaufbeuren. Thomas Heckmann beschreibt in seinem Artikel, wie sich seit den 90er-Jahren aus einem einzelnen Kaufladen die bundesweite Bewegung der CAP-Märkte zu einer Kette von über 100 Geschäften mit professioneller Marktanalyse und Beratung entwickelt hat. Martin Bünk macht uns mit dem Verbund der mittlerweile 43 Embrace-Hotels als Beispiel geglückter Inklusion und Kooperation bekannt.

Politische Situation der Integrationsfirmen

Im letzten Kapitel wird dann die politische Situation der Integrationsfirmen beleuchtet. Es findet sich eine Vielzahl fundierter Vorschläge, wie Integrationsfirmen und die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt verbessert werden könnten. Kritische Töne angesichts des teilweise massiven Abbaus staatlicher Förderung für Integrationsfirmen bzw. des Stillstands beim Ausbau durch fehlende Förderungen sucht man allerdings vergeblich. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, denn dieses Buch soll informieren, interessieren und ermutigen. Vermutlich soll es auch in der aktuellen politischen Situation deutlich machen, wie wichtig diese Art Betriebe ist und dass die Rahmenbedingungen erweitert und verbessert werden sollten.

Vertiefte Einblicke

Wer einen vertieften Einblick in das Feld der Integrationsunternehmen gewinnen möchte, sich vielleicht mit dem Gedanken trägt, ein solches Unternehmen zu gründen oder Arbeitshilfen bei der konkreten Umsetzung haben möchte, der ist bei den Autoren Martin Klein und Thomas Tenambergen und ihrem neuen Buch gerade richtig. Hier wird auch der rechtlich korrekte Oberbegriff Integrationsprojekte für Integrationsfirmen und Integrationsabteilungen verwendet.

Geschichte und Rechtsgrundlagen

Zunächst wird die große Bedeutung von Arbeit für Menschen mit Behinderung für eine Teilhabe am Leben in der Gesellschaft belegt. Es wird ein Blick auf die rechtlichen Grundlagen und auf zentrale Angebote beruflicher Teilhabe geworfen: Integrationsfachdienste, Werkstätten, unterstützte Beschäftigung. Es folgt eine Einführung in die Geschichte und Rechtsgrundlagen der Integrationsprojekte in Deutschland.

Jedes einzelne Bundesland und seine Förderpolitik werden ausführlich dargestellt und anhand von konkreten Betrieben illustriert. Große Unterschiede werden hier deutlich, wenn man erfährt, dass von 800 Integrationsprojekten 664 in acht Bundesländern angesiedelt sind, also 83 %, während die verbleibenden acht Bundesländer lediglich 135 solcher Betriebe vorweisen können. Für potenzielle Gründer ist es also von großer Bedeutung, in welchem Bundesland sie es mit welcher Förderpolitik zu tun haben.

Integrationsunternehmensplan

Die zentrale Arbeitshilfe des Buches wird im Kapitel drei vorgestellt: der Integrationsunternehmensplan IUP. Gründungsinteressierte werden hier an die Hand genommen und durch den Prozess der Planung und Gründung eines Integrationsunternehmens geführt. Von der Prüfung einer Geschäftsidee auf ihre Markttauglichkeit und Umsetzbarkeit über den Umgang mit Förderern, Kostenträgern und Öffentlichkeit bis hin zur konkreten Führung des Unternehmens wird hier von erfahrenen Praktikern alles Wichtige systematisch und verständlich vorgestellt.

Ähnlich wie im zuerst vorgestellten Buch folgt auch hier ein Ausblick auf die Zukunft der Integrationsprojekte. Hier wie dort wird deutlich, dass die Zukunft und vor allem der Ausbau von Integrationsfirmen eine sehr politische Angelegenheit ist. Es wird dafür geworben, die Chancen zu nutzen, die sich durch Integrationsunternehmen für Menschen mit Behinderungen bieten. Gleichzeitig wird aber auch darauf hingewiesen, dass diese Betriebe kein Allheilmittel sind, welches zum Beispiel die Langzeitarbeitslosigkeit beheben könnte.

Beide Bücher bieten demjenigen, der sich für das Gebiet der Integrationsunternehmen interessiert, umfassende Informationen in gut strukturierter und verständlicher Form. Mit wenigen Überschneidungen ergänzen sie sich so gut, dass einerseits Stöberer und andererseits an konkreter Umsetzung Interessierte jeweils finden, was sie brauchen. Mich persönlich schmerzt etwas, dass nur im ersten der beiden Bücher in sechs Zeilen die Möglichkeit der gemeinnützigen Arbeitnehmerüberlassung angesprochen wird. In diesem Instrument steckt meines Erachtens noch sehr viel Potenzial.

Manfred Becker in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 05.05.2017