Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Gesprächspsychotherapie: Ursprung – Vorgehen – Wirksamkeit

Gesprächspsychotherapie ist das therapeutische Verfahren, das Ursula Plog in der Psychiatrie vertreten hat und dessen Menschenbild in weiten Teilen die Haltung im Lehrbuch »Irren ist menschlich« ausmacht. Die Gesprächspsychotherapie bzw. klientenzentrierte Psychotherapie gehört zu den humanistischen Verfahren (in Abgrenzung zu den verhaltenstherapeutischen, psychoanalytischen und systemischen Therapieverfahren) und befindet sich heute in Deutschland in einer schwierigen Situation: Der Gemeinsame Bundesausschuss verweigert die sozialrechtliche Anerkennung, sodass Abrechnung von Psychotherapie über die Krankenkassen verhindert wird.

Jüngst hat gar der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie die wissenschaftliche Anerkennung entzogen, die er der Gesprächspsychotherapie 2002 zugesprochen hatte – der Streit über diese Entscheidung ist noch nicht beendet. Es sagt ja niemand, dass ein Menschenbild bzw. Paradigma die Wahrheit für sich gepachtet hätte. Aber im Sinne von Methodenvielfalt und Wahlfreiheit für den Patienten bedeutet das eine Verarmung der psychotherapeutischen Kultur. Eva-Maria Biermann-Ratjen und Jochen Eckert haben viele Jahre in Hamburg Gesprächspsychotherapie praktiziert und gelehrt, u.a. für Borderline-Patienten stationäre Gruppenpsychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf angeboten.

In der Reihe »Psychotherapie Kompakt« des Kohlhammer-Verlages, in der Methoden und Verfahren komprimiert vorgestellt werden, übernehmen sie dies gut lesbar und verständlich für die Gesprächspsychotherapie. Sie halten sich dabei eng an deren Begründer, Carl R. Rogers, dem mehr am Prozess der therapeutischen Beziehung (und an der Beziehung des Klienten zu sich selbst) lag als an der Behandlung von Symptomen. Anhand mehrerer Zitate wird die Gedankenwelt von Rogers lebendig. Und der Bezug zu Rogers ist in dem Buch von zentraler Bedeutung, denn – so stellen die Autoren an einigen Stellen klar – die Gesprächspsychotherapie ist mit unzulässigen Verkürzungen und Missverständnissen belegt worden, nicht nur durch Autoren von Psychiatrie-Lehrbüchern.

Auch eigene Vertreter der Gesprächspsychotherapie selbst haben das Verfahren auf die Umsetzung technischer Interventionen reduziert und den Stellenwert der Klient-Therapeut-Beziehung verkannt. Diese Entwicklungen haben dem klientenzentrierten Therapieansatz geschadet und auch zu Verzerrungen geführt, so u.a. zu dem Bild, der Therapeut paraphrasiere lediglich, was der Klient sagt. Dagegen schreiben Biermann-Ratjen und Eckert: »Die gesprächspsychotherapeutische Beziehung ist die Gesprächspsychotherapie. Wenn sie gelingt, entwickelt sich im Klienten ein Veränderungsprozess.« (S. 59) Der Fokus des Buches liegt immer wieder auf der Beziehung, »in der der Klient erlebt, dass er in seinem Sich-Selbst-Erleben angenommen, empathisch verstanden und nicht bewertet wird«.

Sehr anschaulich werden Herkunft, theoretische Grundlagen, Kernelemente von Diagnostik und Therapie, Hauptanwendungsgebiete und Settings dargestellt. Abschließend belegen die Autoren mit mehreren Studien die Wirksamkeit der Gesprächspsychotherapie und zeigen u.a., wie nachhaltig die Therapie auch nach Abschluss noch wirkt und dass sie – im Gegensatz zu anderen Therapieverfahren, die stärker auf Autonomie und Einsicht wirken – die Beziehungsfähigkeit stärkt. Im Mittelpunkt der Kapitel steht ein klinisches Fallbeispiel: Eine Lehrerin in mittleren Jahren ist depressiv verstimmt, leidet an Bauchweh und Übelkeit.

Es wird beschrieben, wie die Therapeutin der Klientin allmählich hilft, sich selbst besser in ihren für sie schwierigen Gefühlen zu verstehen – und dadurch letztlich beschwerdefreier zu leben. »Verändern durch Verstehen« – so haben die Autoren ein früheres Lehrbuch genannt. Ich empfehle dieses Buch vor allem Psychologen und Psychotherapeuten, die in Psychiatrie und Sozialpsychiatrie tätig werden wollen.

Und die – auch dies wird mit einem Zitat von Rogers belegt – erst einmal lernen müssen/wollen, zuzuhören und einen Kontakt zum Klienten zu finden, aus dem dann letztendlich eine therapeutische Beziehung werden könnte.

Torsten Flögel in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 18.01.2019