Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Psyche? Hat doch jeder!

Lena Kuhlmann, Psychotherapeutin und Bloggerin, hat mit diesem Titel ein kleines Werk vorgelegt, das helfen soll, uns in der weiten Landschaft unserer Psyche besser und vorurteilsfreier zurechtzufinden. Im launig komprimierten Stil fasst Kuhlmann die Phasen psychosexueller Entwicklung zusammen und liefert eine sehr lebendige Einführung in die komplexe Wissenschaft der Psychologie. Kuhlmann möchte ein breiteres Verständnis in der Öffentlichkeit für psychische Störungen allgemein und die Notwendigkeit von Psychotherapie allgemein erreichen, zeigt jedoch auch Fallbeispiele auf, bei denen ein Gang zum Therapeuten wenig sinnvoll scheint. Die Autorin möchte sensibilisieren, leicht verständlich informieren, doch vor allen möchte sie eins: entstigmatisieren. Dies tut sie in einer charmant-humorvollen Weise, fundiert und unterhaltsam.

Kuhlmann führt ihre Leserschaft durch das ABC der Erklärungsmodelle therapeutischer Verfahren und beleuchtet auch die Behandlungsmethoden der Psychologie, einschließlich Gruppentherapien wie Biofeedback, Achtsamkeitstraining, Bogenschießen. Damit bewahrt sie uns vor zu eindimensionalen Betrachtungen.

Zudem liefert sie persönliche Beispiele aus ihrer Praxiserfahrung und stellt herkömmliche Diagnostika infrage. Sie problematisiert die steigenden Zahlen der Erkrankungen der Psyche und erklärt das Phänomen gleichzeitig – und genau darin liegt wohl die Stärke dieses Buchs.

Das Fachpersonal auf medizinischer Seite wird hier ebenso vorgestellt wie die Angebotsvielfalt auf psychotherapeutischer Seite. Betroffene erhalten ganz pragmatische »Insider-Tipps« für die Suche nach Therapieplätzen. Darüber hinaus weist Kuhlmann auf Schwierigkeiten und Gefahren bei Anwendung von einer Reihe an Stimulanzen hin und geht auf die Folgebelastungen einer psychischen Krankheit ein. Insbesondere beschäftigt sie sich mit der gesellschaftlichen Stigmatisierung, welche so manch beruflichen Werdegang verhindert oder irreversibel ruiniert hat.

In dem Kapitel »Patient im Fokus« werden Angststörungen unter die Lupe genommen, nicht ohne dass sie eigene Erfahrungen im Umgang mit einer »Flugangst« schildert. Pointiert, kurzweilig und doch nachhaltig geht die approbierte Kinder- und Jugendpsychotherapeutin auf »Suizidalität« und ihre vielfältigen Erscheinungsformen (auch innerhalb der Medien) ein. Dass jeder Fall absolut individuell, möglicherweise sehr diffizil sein kann und vor stets neue Herausforderungen stellt, macht Kuhlmann in ihrer Lektüre deutlich.

Kuhlmann versteht es, Fragen und Bedürfnisse von (angehenden) Patienten emotional nachvollziehbarbar zu formulieren und in kleine Anekdoten zu kleiden, welche dem gesamten Text Farbe verleihen. Dieses Buch ist eine illustre, kompakte und rundum gelungene Einstiegslektüre und weckt womöglich Interesse auf die tiefer liegenden Schichten unterhalb der begrifflichen Oberflächen.

Jan Thun in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 15.01.2019