Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Praxis der interkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie

Gute Psychiatrie braucht Sprechen und Sich-Verstehen. Das ist erschwert, wenn sich die sozialen Hintergründe der Beteiligten stark unterscheiden, wenn etwa – im Extrem – der Patient in einer Jugendgang aufgewachsen ist und die Psychiaterin in einer Juristenfamilie. Das Verständnis zu verbessern, ist Aufgabe der Psychiaterin als Profi. Ihr Weg dorthin: Wissen, Training, Selbsterfahrung.

Das ist die weiteste Variante der inter- oder transkulturellen Psychiatrie. Die betrachtet, wie Patienten und Psycho-Profis über kulturelle Grenzen hinweg interagieren, kognitiv wie emotional. Im engeren Sinn befasst sie sich damit, wie wir psychiatrischen Patienten aus anderen Weltgegenden begegnen und begegnen sollten.

Das deutschsprachige Standardwerk zur interkulturellen Psychiatrie stammte von 2011. Herausgeber waren der Doyen der deutschen interkulturellen Psychiatrie, der Sozialpsychiater Wielant Machleidt aus Hannover, und Andreas Heinz, Psychiatrie-Chef der Berliner Charité. Machleidt ist berühmt für seinen ethno-psychoanalytischen Ansatz zur Migration: Er konzipiert sie als »dritte Individuation« mit Gefährdungen und Chancen psychischer Natur, die denen in Kindheit und Adoleszenz ähneln.

Jetzt haben die beiden das Werk neu herausgebracht, unterstützt von der Berliner Psychologie-Professorin Ulrike Kluge und dem Chefarzt des Landeskrankenhauses Wunstorf, Marcel Sieberer. Inhaltlich ist es teils aktualisiert, teils völlig neu, im Aufbau aber ein perfektes Lehrbuch wie bisher: Fast jeder Beitrag beginnt mit Lernzielen, enthält Kästen mit klaren Merksätzen und bietet am Schluss eine Botschaft zum Mitnehmen.

Kultur gehört zur Natur des Menschen wie die Biologie, allerdings zu seiner Natur als Gruppenmitglied. Kultur umfasst Sprache, Musik und Kunst sowie sämtliche Regeln, Werte und Normen einer Gruppe, Religion inklusive. Kulturelle Gruppen geben Verhaltensweisen, Denkfiguren und Machtoptionen vor, oft geschlechtsspezifisch. Zusammen mit Geschichten aus naher und ferner Zeit definieren sie so ein symbolisches »Wir«.

Neben diversen kulturellen Identitäten geht es in diesem Werk vor allem um die psychische Gesundheit von Flüchtlingen, regulären Migranten und Deutschen, deren Eltern nicht beide in Deutschland geboren sind, im Behördendeutsch »Personen mit Migrationshintergrund«. 58 Kapitel stammen von 94 Autorinnen und Autoren, viele selbst mehrsprachig. Sie kommen aus nahezu allen akademischen und praktischen Disziplinen, die sich mit Kultur, Migration und der psychischen Gesundheit dieser Populationen beschäftigen.

Kulturelle Einheiten können klein sein wie ein Dorf, mittelgroß wie die DGSP, groß wie eine Nation oder riesig wie die katholische Kirche. Kleinere Gruppen sind homogener, rigidere auch. Größere bzw. freiere sind heterogener, da können sich auf vielen Ebenen und an verschiedenen Orten Subkulturen entwickeln. Genau deshalb gehören Bürger eines freien Landes in der Regel mehreren »Kulturen« an. Nur die Berliner Soziologin Naika Foroutan möchte das exklusiv bei Nachfahren von Einwanderern erkennen und macht eine Theorie daraus.

Klinischere Kapitel verhandeln, dass kulturelle Prägungen beeinflussen, wie eine Person psychisch auf Stress und auf eine psychische Erkrankung reagiert. Das Buch berichtet über Epidemiologie, Behandlungsmethoden und die Arbeit mit Dolmetschern, über die psychische Situation von Frauen und Männern, bei gelungener bzw. gescheiterter Integration oder nach religiösen Selbstverortungen. Und es verhandelt politische, rechtliche und diagnostische Fragen bis hin zu Begutachtungen, aber auch die psychische Lage von Familien, die vor längerer Zeit aus verschiedenen Ländern hierherkamen.

Einer der acht Themenblöcke mit sechs Kapiteln ist völlig neu und eminent wichtig: Flucht und Asyl. Da beschreibt etwa Jan Ilhan Kizilhan sein Leuchtturm-Projekt aus Baden-Württemberg; dort werden Jesidinnen behandelt, die vom Islamischen Staat gefoltert wurden. Und die Gruppe um Maggie Schauer stellt die drei Schritte der Konstanzer »Narrativen Expositionstherapie« vor, die auf komplex traumatisierte Personen aus Kriegsgebieten zugeschnitten ist.

Großen Raum nimmt die »Öffnung« der Kliniken ein, außerdem Weiterbildung, Training und Supervision. Dabei bedeutet Öffnung primär, dass es in den Klinikteams mehr zweisprachige Migranten und Migrantinnen gibt und generell mehr interkulturelles Können. Zwei Trainingsziele fürs deutsche Personal beeinträchtigen jedoch die Selbstfürsorge – eine nahezu jesuanische Toleranz nach außen und eine »antirassistische« Strenge sich selbst gegenüber.

Doch die meisten Kapitel bieten genau das, was man braucht, wenn man psychologisch-psychiatrisch mit Menschen aus aller Welt arbeitet. Das Konzept des Werks geht ohnehin auf, sodass auch die Neuausgabe zum Standardwerk werden dürfte.

Barbara Knab in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 10.10.2018