Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Kritische Anmerkungen zum Resilienzdiskurs im aktuellen Krisenmanagement

Spätestens mit Aaron Antonovskys grundlegenden Arbeiten zur Salutogenese hat ein Begriff aus der Physik in Psychologie und Psychiatrie Einzug gehalten: »Resilienz« (von lat. resilire – zurückspringen, abprallen). Die deutsche Wikipedia unterscheidet gegenwärtig fast ein Dutzend Anwendungsgebiete des Resilienzbegriffs, von den Ingenieurwissenschaften bis zur Zahnmedizin. Auch das Recoverykonzept nutzt ihn: Wie entdecke, verwende, verbessere ich meine Widerstandskraft, wie gehe ich gestärkt aus Krisen hervor?

Der Resilienzbegriff ist nicht unumstritten

Der Resilienzbegriff ist nicht unumstritten. In einem treffenden Kommentar stellte Claudia Keller vom Tagesspiegel fest: »Gegen unzumutbare Arbeitsverhältnisse und wachsenden Leistungsdruck können starke Gewerkschaften mehr ausrichten als private Resilienztrainer.« (Der Tagesspiegel, »Resilienz ist das falsche Mittel gegen Krisen« am 20.11.2016) Die renommierte Hilfsorganisation medico international verfolgt mit ihren Hilfsprogrammen den Anspruch, nicht nur Brände zu löschen, sondern Brandursachen zu bekämpfen. Diesem Selbstverständnis läuft ein Resilienzbegriff zuwider, der auf bestmögliche Reaktionen der Betroffenen (Systeme, Gesellschaften, Individuen …) fokussiert, ohne die ursächliche Krise zu hinterfragen. Dürren, Epidemien, Kriege oder Terrorattacken werden als gegeben hingenommen; das Nachdenken richtet sich vornehmlich darauf, wie die Betroffenen gegen die Auswirkungen unempfindlicher (gemacht) werden können.

Mit der vorliegenden Textsammlung setzt medico international eine kritische Würdigung des Resilienzdiskurses fort, der bereits im Juni 2015 Thema des Symposiums » Fit für die Katastrophe? Der Resilienzdiskurs in Politik und Hilfe« war. Insgesamt acht Beiträge untersuchen Resilienzkonzepte aus entwicklungspolitischer, pädagogischer und psychotherapeutischer Perspektive, aber auch aus Sicht der Migrationsforschung, der Ökologie und nicht zuletzt der Ökonomie. Beispielhaft seien Thomas von Freybergs Thesen, Antithesen und Synthesen zu Resilienz in der Pädagogik genannt:

Wem das zu klassenkämpferisch ist

Das Resilienzkonzept sei, so von Freyberg, in den letzten Jahren an die Seite des Ressourcenansatzes in der Pädagogik getreten, habe diesen »begründet, verstärkt und justiert« (S. 25). Der ursprünglich reformpädagogische Ressourcenansatz habe aber seine kritische Frontstellung in den letzten Jahrzehnten aufgegeben – heute handele es sich eher um ein »affirmatives Konzept der Konfliktvermeidung oder Konfliktverharmlosung« (S. 27). Mit anderen Worten: Die Betonung der individuellen Ressourcen und Widerstandsfähigkeit entbindet Politik und pädagogische Praxis von der Benennung und Bekämpfung gesellschaftlich verursachter Defizite und Störungen. Von Freyberg resümiert: »Wer nicht über die Notwendigkeit, Bedingungen und Möglichkeiten des Widerstands gegen die gesellschaftlichen Macht- und Ausbeutungsverhältnisse reden will, sollte über Resilienz und Ressourcen der Individuen schweigen.« (S. 33)

Wem das zu klassenkämpferisch ist, der wird vielleicht etwas Mühe mit der Lektüre haben. Vielleicht leuchten ihm oder ihr aber die Analysen von Methmann und Oels (S. 57 ff.) ein, die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels befassen: Das Ziel der Begrenzung der globalen Erwärmung werde aufgegeben. Stattdessen richte sich das Augenmerk auf die Anpassung an die Folgen. Nicht zuletzt werde neoliberal längst die »Resilienz-Dividende« (Rodin, 2014) geplant. Dazu gehöre auch, frühzeitig die Entschädigungsforderungen derjenigen Staaten abzuwehren, deren Territorien demnächst unter den Meeresspiegel fallen … Gute Arbeit, Pflichtlektüre für Angehörige, Sympathisanten und Kritikerinnen der Soltauer Initiative.

Martin Osinski in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 14.11.2017