Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Psychosoziale Beratung und therapeutische Begleitung von traumatisierten Flüchtlingen

Eine der Herausforderungen in der Flüchtlingshilfe ist der Umgang mit Traumatisierung. Für Flüchtlingshelfer wie auch für viele Mitarbeitende im Gesundheitswesen war und ist Trauma ein respekteinflößendes Phänomen, das Hilflosigkeit, Besorgnis und verschiedene Ausprägungen von Abwehrverhalten auslöst. Der richtige Umgang mit oder gar die Therapie von traumatisierten Geflüchteten gilt als schwierig. Hinzu kommen praktische Hürden wie das Sprachproblem, unklare oder ungenügende Finanzierung, lange Wartelisten und anderes mehr.

Lange Zeit widmeten sich fast ausschließlich spezialisierte Behandlungszentren der Therapie von geflüchteten Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen, in Süddeutschland als sogenannte Refugien bekannt. Ulrike Schneck hat 2014/2015 die Refugio-Regionalstelle Tübingen aufgebaut und ist heute deren psychologische Leiterin. Jetzt hat sie ihre berufliche Erfahrung in ein Handbuch gepackt, das hoffentlich in der Versorgungslandschaft große Verbreitung findet.

Schon der Titel ist gut durchdacht

Schon der Titel »Psychosoziale Beratung und therapeutische Begleitung von traumatisierten Flüchtlingen« ist gut durchdacht und spricht nicht nur hochqualifizierte Spezialistinnen und Spezialisten an, sondern eine breite Leserschaft. Von vornherein ist klar, dass es nicht für jeden Geflüchteten die Full-size-Therapie gibt. Viel häufiger geht es um Beratung und Begleitung außerhalb jedweden Refugiums – das ist anspruchsvoll genug, und es ist erlernbar. Ulrike Schneck nähert sich mit den ersten Kapiteln den geflüchteten Menschen und dem Kernproblem Trauma chronologisch und von außen nach innen. Immer mit Blick auf potenziell schädigende Einflüsse, beginnend mit den Ursachen, dann den Umständen der Flucht, den rechtlichen und sozialen Bedingungen des Asylverfahrens bis hin zu den Erwartungen der Aufnahmegesellschaft.

Überlegungen zu innerpsychischen Entwicklungen der Geflüchteten während Flucht und Ankunft schließen sich an. Es folgt eine kompakte Darstellung des Trauma-Konzepts einschließlich der Traumafolgestörungen, der diagnostischen Zugänge sowie der äußeren Belastungsfaktoren und inneren Barrieren. Dabei geht es nicht nur um Schädigungen und Störungen. Auch die Ressourcen werden gewürdigt – zwei Seiten zum Thema Resilienz sind wunderbar prägnant und verdeutlichen die ethische Haltung der Autorin: »Damit wird deutlich, dass es nicht nur um innere oder gar biologische Gegebenheiten geht, sondern psychische Widerstandskraft vor allem eines ist: kontextgebunden. Menschen haben grundsätzlich die Fähigkeit, sich anzupassen und auch extremsten Stress zu bewältigen, wenn sie auf soziale, ökonomische und gesellschaftliche Ressourcen zurückgreifen können. [...] Hier sind insbesondere auch soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde relevant.« (S. 73)

Eine Fundgrube praxisrelevanten Wissens

Die zweite Hälfte des Buches widmet sich der Beratungstätigkeit und den Helfenden. Das Augenmerk wird auf die erforderlichen Kompetenzen gerichtet: Was ist hilfreiches Verhalten, was sollte ich tunlichst unterlassen? Und nicht zuletzt: Wie schütze ich mich selbst, wenn so viel Schweres mitgetragen und ausgehalten werden muss? Ulrike Schneck gibt eine Fülle wichtiger Hinweise für einen reflektierten, verantwortungsvollen Umgang und illustriert ihre Überlegungen mit Fallbeispielen. Immer wieder werden wesentliche Hinweise in grafisch hervorgehobenen Kästchen zusammengefasst, beispielsweise »Leitfragen zur Reflexion der eigenen Rolle im Ehrenamt« (S. 159), »Wichtige Elemente der Selbstfürsorge« (S. 168).

Ulrike Schneck stellt uns hier eine Fundgrube praxisrelevanten Wissens zur Verfügung, die ich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert finde. Da ist zum einen der große Detailreichtum in der Darstellung des Phänomens Trauma wie auch des Umgangs damit. Dann die nutzerfreundliche »leichte Sprache«, mit der sie auch ehrenamtliche Helfer ohne psychotherapeutische Vorbildung erreichen wird. Vor allem aber gefällt mir, wie sie die Arbeit mit traumatisierten Geflüchteten in den größeren Kontext stellt. Zusammenfassend heißt der letzte Abschnitt »Zum Zeugen der Geschehnisse werden« und verweist auf Risiken und Nebenwirkungen der Arbeit: »Dies macht uns zu Mitwissern teils unvorstellbarer Ereignisse. Von diesen Dingen Kenntnis zu haben, kann unser Verständnis von der Welt verändern.« (S. 252)

Martin Osinski in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 12.01.2018