Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Schlaflos mit Kleopatra

Der Titel lässt auf eine verklärte Liebe mit psychischen Ausnahmezuständen schließen; der Untertitel eher auf eine Krankengeschichte.

Eine Liebesgeschichte

Ich habe mich auf die Liebesgeschichte eingelassen und bin nicht enttäuscht worden. Es wird eine einfühlsame erotische Geschichte erzählt – eine Mischung aus Erlebnisbericht und autobiografischem Roman über das Gären einer Psychose und dem bösen Erwachen in der Klinik. Der Protagonist, der dem Leser zu Anfang ohne eigene Identität mit dem selbst gewählten Namen Keops nahegebracht wird, verbringt mit seiner Freundin Ferien im Süden am Meer.

Eine schöne Frau, Kleopatra, verführt ihn ungeachtet der unmittelbaren Nähe der Freundin, als Keops gerade in eine Phase wirrer Gedanken und im Kopf geführten Dialogen mit seiner Freundin gerät. Er kann sich auf nichts mehr konzentrieren, liest, um den Schein der Normalität zu wahren, aber keine Zeile erfasst er. Ständig kreisen seine Gedanken um den Urknall und die Endlosigkeit des Universums. Und jetzt noch die Sehnsucht nach dem prickelnden, unbekannten Neuen – nach Kleopatra.

Sprachliche Knappheit

Dieser Teil des Romans brilliert durch seine sprachliche Knappheit, die Belanglosigkeit von jeglichem Gesagten und Gedachten wird authentisch wiedergegeben. Man kann den Einfluss der sengenden Sonne, die den Protagonisten so wirr denken lässt, gut spüren. Parallelen zu Camus’ "Fremden", wo die gleißende Sonne auch eine große Rolle spielt, drängen sich auf.

Als es aber am Ende des Urlaubs zur Trennung zwischen Keops und Kleopatra kommt und gleichzeitig klargeworden ist, dass es mehr als ein One-Night-Stand war, wird der Leser skeptisch. Da frage ich mich zum Beispiel als in diesen Dingen auch erfahrener Leser, warum denn keine Adressen ausgetauscht werden. Hineinschreien möchte man es vor Verzweiflung dem Protagonisten in sein Manuskript, aber diese "Unterlassungssünde" macht den Leser bis zur letzten Zeile des Romans neugierig: Werden sich die beiden wiedersehen, hören sie doch noch etwas voneinander?

Stimmungsbilder aus psychiatrischen Stationen

Für jene, die Stimmungsbilder aus psychiatrischen Stationen lesen wollen, scheint der zweite Teil des Erfahrungsberichts bestimmt zu sein. Denn auf einer psychiatrischen Station in Deutschland landet der Protagonist, der sich inzwischen mit seiner wahren Identität outet – Selajdin Gashi. Allerdings fehlen mir in den vielen Reflexionen konkrete Hinweise auf "Schlüsselerlebnisse", die möglicherweise zu Gashis Psychose führten. Mir ist vieles nicht griffig genug. Auch in den Rückblicken in seine Kindheit und Jugend kann ich dazu kaum etwas finden.

Mir ist diese Ursachenforschung aufgrund ähnlicher Erfahrungen sehr wichtig gewesen, aber ich fordere sie nicht als ein Muss in diesem Buch ein, wird der Autor doch seine Gründe gehabt haben, ihr auszuweichen. An einer Stelle am Ende des Romans schreibt er: "Ich weiß, dass ich die Gründe für den Ausbruch dieser Krise selbst erkennen und schließlich auch selbst bewältigen muss." Ich wünschte, der Autor hätte mit dieser Form der "Seelenarbeit" und "Spurensuche" bereits in diesem Buch begonnen.

Literarische Qualität

Aber wie ich das Talent des Autors und die literarische Qualität dieses Buches einschätze, werden noch weitere Erfahrungsberichte und Romane folgen, in denen er dann vielleicht auf die von mir erwünschte "Spurensuche" geht. Ich bin jeweils auf die möglichen Ursachen seiner Krise gespannt und freue mich auf weitere Texte.

Es empfiehlt sich auf alle Fälle, die Entwicklung des Autors weiter zu verfolgen. Ich jedenfalls konnte mich als Psychose-Erfahrener an vielen Stellen mit dem Erzählten identifizieren. Ich habe das Buch übrigens im Sommerurlaub gelesen. Und dafür ist es auch geeignet. Aber auch für den Winter und Frühling ist es ideal und schließlich wieder für den kommenden Sommer als Erinnerung an der vergangenen. Unter dem Strich – bitte weitersagen!

Peter Mannsdorff in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 16.03.2017