Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Eine andere Art von Wahnsinn

Wer sich auf Stephen P. Hinshaws Biografie »Eine andere Art von Wahnsinn« einlässt, muss sich mit erschütternden Fakten sowie quälenden Eindrücken, Gedanken und Gefühlen auseinandersetzen, die geprägt sind durch Erfahrungen wie Schweigen, Scham, seelischer Absturz und Angst vor Kontrollverlust.

In dem Versuch, die eigene familiäre Betroffenheit aufzuarbeiten, diese dann mit seinem Fachwissen als Psychologe zu kontrastieren und dadurch Erklärungs- und Hilfsansätze zu finden, zeigt der Autor seinen persönlichen Kampf mit der Stigmatisierung durch psychische Erkrankungen.

Formal geht er chronologisch und auch personenbezogen vor und entwickelt so seine Geschichte: Das familiäre Schweigen über die zeitweiligen Abwesenheiten des Vaters, der an einer bipolaren Störung leidet, führt in eine gesellschaftliche Isolation der Familie und darf, auch auf Befehl der Ärzte, nicht aufgebrochen werden. Die daraus resultierenden Ahnungen und Ängste, die er durch einen ständigen Kontrollzwang in den Griff zu bekommen sucht, prägen sein Leben. Erst Gespräche mit dem Vater im Erwachsenenalter geben einen Blick auf dessen Leid frei, verursacht durch erschreckende medizinische Fehldiagnosen und menschenunwürdige Behandlungen, aber sie machen auch die Leistung des Vaters und besonders die der Mutter deutlich, mit diesem Schicksal fertig zu werden. Diese Erkenntnisse unterstützen die bereits getroffene berufliche Entscheidung des Autors, sich als Psychologe auf die Suche nach neuen Erkenntnissen, Erklärungsmodellen und Behandlungsmethoden für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu begeben.

Ganz wesentlich geht es ihm dabei um den »Abbau des Stigmas – dieser anderen Art des Wahnsinns«. So fordert er immer wieder einen humaneren Umgang mit betroffenen Menschen, ihr Recht auf Würde und Respekt in Begegnung und Behandlung und die Auflösung des stigmatisierenden Schweigens in gesellschaftlichen Dialog.

Die Biografie beeindruckt vor allem durch die Kombination von persönlicher Betroffenheit und fachlicher Kompetenz. Letztere gibt dem Autor überhaupt erst die Möglichkeit, sich der eigenen Situation zu stellen und selbst seelisch nicht wieder abzustürzen. Die detailreich, manchmal aber auch sehr kleinschrittig geschilderten Situationen in Familie, Schule, Sport und Beruf zeigen wie sich Scham, Schweigen, Absturz, Angst vor Kontrollverlust und Sehnsucht nach Dialog in allen Lebensbereichen. Die Wiederholungen bestimmter Grundkonstellationen wirken manchmal etwas ermüdend, bieten anderen Betroffenen und ihrem Umfeld aber auch eine Vielfalt an Analyseansätzen für die eigene Situation, die eigene Auseinandersetzung mit Stigmatisierungserfahrungen.

Es bleibt der berührende Eindruck eines unglaublich menschlichen Leids und der eindringliche Appell an Medizin, Politik, Medien und Umwelt, psychisch kranke Menschen nicht zu stigmatisieren und ins »Grenzland der Menschenrechte« abzuschieben. Die Lektüre dieser Biografie ist damit allen Menschen empfohlen – sowohl den Betroffenen als auch denen, die sich mit deren Problemen auseinandersetzen.

Gabriele Beeck in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 03.02.2020