Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Henriettes Universum

Nach dem Buch »Die Sternenpflückerin«, erschienen im EWK-Verlag, ist jetzt Peter Mannsdorffs zweiter Teil seiner Kinderbuchtrilogie erschienen. Nachdem im ersten Band das elfjährige Mädchen Henriette mit Hilfe ihres Freundes Peter aus dem Kinderheim ausgebüchst war, lebte sie jetzt bei ihrem Großvater. In diesem Buch hatte sie Peter Mannsdorff als sehr fantasiereich beschrieben, sie sprach zum Beispiel mit dem Zwerg Balthasar Quäki in ihrem Kopf und eckte damit bei den Lehrern in der Schule an. Somit war es dem Autor gelungen, das Phänomen des Stimmenhörens kindgerecht darzustellen.

Ein eigentümliches Raumschiff

Im zweiten Band »Henriettes Universum« stirbt der Großvater, aber vor seinem Tod hat er – Tüftler durch und durch – Henriette und Peter ein eigentümliches Raumschiff hinterlassen, mit dem sie sich auf die Größe von Atomen verkleinern und ihm im Mikrokosmos ins Paradies hinterherfliegen können. Nach dem Tod des Großvaters beginnt nun eine aufregende Kreuzfahrt durch den Kosmos. Die Kinder suchen ihn im grenzenlosen All, aber er bleibt zunächst verschollen. Auf ihrer Reise landen sie auf den verschiedensten Planeten und lernen deren Bewohner kennen. Auf einem der Planeten hüpfen Kinder auf Sprungfedern, und Henriette stellt sich die Frage: »Was ist normal? Auf zwei Beinen laufen oder wie die Planetenbewohner hüpfen?«.

Da kommen schnell Sätze auf wie: »Ihr seid ja behindert!«. Auf einem anderen Planeten haben alle Bewohner ein Brett vorm Kopf, das ihnen eine eingeschränkte Sichtweise von der Welt gibt. Im Paradies wiederum tragen alle eine rosarote Brille, denn im Paradies haben alle glücklich zu sein, da gibt es keine Zwischentöne. Jetzt könnte man denken, es handle sich um ein »harmloses« Kinderbuch – das ist es aber nicht.

Eine zweite inhaltliche Ebene

Der Autor, selbst mit Psychiatrieerfahrung, hat Themen aufgegriffen und Metaphern zum Sujet »Psychiatrie« eingebaut, thematische Links, die für Erwachsene auf einer zweiten inhaltlichen Ebene sofort erkennbar sind. So ist ein zentrales Thema die Frage »Was ist normal?«. Ist es normal, einen »ordentlichen« Beruf zu ergreifen und viel Geld damit zu verdienen, anderen beim Zähneziehen Schmerzen zuzufügen oder davon zu träumen, in seiner Fantasie die Sterne vom Himmel zu pflücken und damit andere Leute glücklich zu machen? Unterwegs treffen Peter und Henriette immer wieder auf Archibald Rectus, den Wächter des Weltraums. Er gibt ihnen ein dickes Buch für die Erwachsenen auf der Erde mit, in dem er alles aufgeschrieben hat, was normal ist. Neugierig schlagen die Kinder das Buch auf ihrer Reise auf – es hat tausende von leeren Seiten. Sie verstehen: Nichts ist normal. Auf dem Planet, wo die Bewohner ein Brett vor dem Kopf haben, wird Henriette in ein Kinderheim gesperrt, aus dem Peter sie schließlich befreit.

Für erwachsene Leser wird schnell klar, dass die »Seelenwiese« eine Metapher für die Psychiatrie ist. Wenn Henriette nicht mit den anderen Kindern im Garten spielen darf, klingt für erwachsene Leser sofort das Wörtchen »Ausgangssperre« mit – und das Kind wird zum Zwecke der hier auch so genannten »Reizabschirmung« sogar noch weiter in seinen Beschäftigungsmöglichkeiten beschränkt. Es liegt auf der Hand, dass Peter Mannsdorff hier auf freundliche Art und Weise mit selbst erfahrenen Behandlungsmethoden abrechnet. Schließlich finden die Kinder den Großvater auf jenem Planeten in einem Altersheim und türmen mit ihm in ihrem Raumschiff, dem »Micromégas«, auf den Planeten Lächelleiten, ins vermeintlich wahre Paradies, wo die Einwohner alles durch eine rosarote Brille sehen müssen.

Alles läuft rückwärts

Der einzige, der das hier nicht tut, ist Erich, der »Dorftrottel«, quasi ein psychisch Kranker auf dem Dorf, der das Urtümliche der Bergidylle bedroht sieht, sollte ihr Reiz jemals von anderen Sternenbewohnern entdeckt werden. Erich wird von seinem Vater zum Schlafen in den Stall verbannt. Und dann kommen sie tatsächlich, die Skifahrer, die Touristen von einem anderen Stern, sie wollen Luxus, den sie sich mit ihrem Geld erkaufen: Hotels mit fließend Wasser, Skilifte und Einkaufszentren werden gebaut. Für Erich soll die »Seelenwiese« neu gebaut werden. Es ist fünf vor zwölf! Das Paradies droht zerstört zu werden. Doch Erich, der »Psycho« im Dorf, erfindet eine Uhr, an der sich die Zeiger der Zeit zurückdrehen lassen.

Alles läuft rückwärts, und die Kinder helfen ihm, das Paradies zu retten. Henriette und Peter lassen ihren Großvater jetzt mit dem Wissen auf dem Planeten Lächelleiten zurück, dass er glücklich ist. Kinder brauchen ein Happyend. Unglücklich würde der Autor sie zurücklassen, wenn der Großvater tatsächlich gestorben wäre. So gibt es der Geschichte auch eine schöne Wendung, dass sich zum Schluss alles nur als Traum herausstellt. Peter Mannsdorffs Kinderbücher sind nie Bücher nur für Kinder, es sind vor allem: Bücher für kleine Menschen ab 9 Jahre und für große bis 99 Jahre.

Peter Wadepfuhl in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 11.07.2017