Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Heiter bis wolkig

Das Durcheinander menschlicher Grundverfassung ist ein Menschheitsthema, nährt die substanzielle Literatur und versorgt nebenbei auch noch die Psychiatrie mit aus dem Rahmen fallenden und manchmal aberwitzigen Geschichten.

Mehr als nur einen Blick auf die Psychiatrie und ihre Geschichten hat offensichtlich die niederländische Autorin Myrthe van der Meer geworfen, die als Lektorin arbeitet und aufgrund ihrer eigenen Klinikerfahrung wegen Burn-out unter Pseudonym schreibt. Sie hat die erforderliche Distanz zum Thema und kennt sich gut mit dem Psychiatriealltag und seinen durchreisenden Patienten aus. Bereits zwei dezidiert Psychiatrieromane genannte Bücher sind so in ernsthaft-unterhaltsamer Art entstanden.

Ihr neuer Psychiatrieroman »Heiter bis wolkig«, wie bereits ihr erstes Buch »Tiefdruckgebiet«, spielt in der Welt der niederländischen Sozialpsychiatrie, ohne konkret lokalisiert zu werden. In »Tiefdruckgebiet« geht es um eine depressive junge Frau, die Myrthe heißt, in »Heiter bis wolkig« wird dieselbe Myrthe, intelligent, 28 Jahre jung, Tochter aus gutbürgerlichen Verhältnissen, erneut zwangseingewiesen, denn sie zeigt eindeutige Zeichen für Suizidalität in Verbindung mit einer überbordenden Stimmung.

Die Ärzte diagnostizieren Asperger-Syndrom mit Bipolarität, was ihre Stimmungsschwankungen und ihr übersteigertes Hochgefühl und die Gereiztheit erklären. Diese machen ihren Klinikaufenthalt zu einer Tour de Force: »In meinem Kopf herrscht ein Fest, Kirmes in der Hölle, und ich kann nichts dagegen tun.« (S. 23)

Die Ärzte klären ihre Patienten partnerschaftlich über die Vorteile und die Nachteile der Medikamente auf, Myrthe ist bereit, zusätzlich zum schon verordneten Lithium (»Mein Lithium nehme ich schon ungelogen ein geschlagenes Jahr, weshalb die Nebenwirkungen schon fast verschwunden sind«, S. 49) auch noch Carbamazepin einzunehmen, da das, laut Arzt, die stimmungsstabilisierende Wirkung verstärken soll.

Als Leserin erlebt man mit Myrthe die unterschiedlichsten Seiten ihrer neuen Diagnose, ihr Hadern mit der Krankheit und ihre Entwicklung. Sie erkennt, dass die Diagnose kein Todesurteil ist, auch kein gesellschaftliches, im Zweifel sogar hilft, zu überleben: »Ich habe Schwierigkeiten mit einer bipolaren Störung, mit Asperger und mit Menschen. Aber scheinbar kann man ganz gut damit leben.« (S. 344)

Und Myrthe kann im Austausch mit ihren Mitpatienten entdecken, wie schön es ist, wie heilsam, nicht allein zu sein. »Ich bin hier, um zu lernen, wie es anders geht. … Ich mache es anders. Ich muss es nicht mehr allein machen.« (S. 163 f.)

Mit Grips, Trotz und Wut kämpft Myrthe um ihre seelische Balance. Sie hält die ganze Mannschaft auf Station auf Trab, immer mit feinem Humor. Am Ende weiß sie, dass Freiheit erst da beginnt, wo man die Fakten kennt. Sie schlägt ihre Entlassung selbst vor und darf gehen. Ihr treuer Freund Sergei, der sie die ganze Zeit immer wieder besucht hat, holt sie ab.

Die letzten Sätze im Buch lauten: »Ich bin zu Hause. Der Psychiatrie sei Dank.« Auch wenn ich diesen Schluss nicht mag, muss ich sagen, dass die Autorin van der Meer das Erzählbare von ihren inneren Dämonen empathisch und freimütig ausgebreitet hat, ohne sich um das Unerzählbare zu drücken. So wie die Autorin von den Mitpatienten profitiert, profitieren die Lesenden von ihrer Erfahrung, nicht allein zu sein.

Brigitte Siebrasse in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 18.01.2019