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Psychiatrie Verlag

Szenen aus dem Herzen - Unser Leben für das Klima

»Ich denke, wenn ich kein Asperger hätte, wäre das hier nicht möglich gewesen«, wird die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg im Klappentext von »Szenen aus dem Herzen« zitiert. Zwar steht die ganze Familie in der Autorenzeile, aber es ist hauptsächlich die Mutter, Malena Ernman, die darin erzählt, wie die Familie mit Gretas Diagnose umgeht und beginnt, für das Klima zu kämpfen. Eine wichtige Botschaft des schnörkellos geschriebenen Weckrufs: Menschen wie Greta mit Asperger-Autismus und solche mit ADHS und anderen »Störungen« signalisieren, dass für uns alle etwas Gravierendes nicht stimmt.

Mit ihren Auffälligkeiten weisen sie auf eine dramatische Gefahr hin, die unser aller Leben bedroht. Dabei ist die Klimakrise selbst »nur« ein Symptom dieser Gefahr, hervorgerufen durch den menschlichen Drang nach immer mehr, immer höher, immer schneller. Der führt dazu, dass in sehr naher Zukunft unsere zentrale Ressource, die Erdatmosphäre, aufgezehrt sein wird und nebenbei noch andere wesentliche Umwelten wie das Leben im Meer zugrunde gehen. Schon bald könnten wir – so Ernman – unsere letzte Chance vertan haben, den unheilvollen rapiden Verbrauch unserer Erde und damit unserer Lebensgrundlage noch zu beenden und umzukehren.

Vor allem Greta gehört zu den sensiblen Seismografen dieser erschütternden Katastrophe, weil sie das laute, schnelle, gierige Leben selbst nicht aushält. Ihre Überforderung wird von Schwester Beata geteilt, die an Misophonie leidet, und auch ihre Eltern – die Mutter mit einer ADHS-Diagnose, der Vater sensibel – verfügen nicht über so dicke Haut, dass sie im unguten Mainstream mittun können. Und so gehe es auch einer wachsenden Zahl anderer Menschen, zeigt sich Malena Ernman überzeugt. Das könne man schon am rasanten Anstieg psychischer Erkrankungen bei Kindern sowie von ADHS- und Autismusdiagnosen sehen.

Fast wäre die Mutter an den Belastungen zerbrochen, die es mit sich bringt, wenn die eigenen Kinder nicht in das enge Anforderungsprofil der Hochleistungsgesellschaft passen. Zu Hause zeigen die Töchter Wut und Schmerz, die in der Schule keinen Raum haben, die Suche nach einer Diagnose und ärztlicher Hilfe kostet Zeit und Kraft, dazu noch all die Anrufe und Besprechungen in der Schule und der teilweise erfolglose Einsatz dafür, dass ihre hoch intelligenten Töchter trotz deren Einschränkungen eine gute Schuldbildung erhalten. Ihre Familie sei ebenso ausgebrannt wie unsere Erde, stellt Malena Ernman fest.

Aber Gretas Besonderheit macht die Fünfzehnjährige eben nicht nur hochsensibel. Sie verfügt außerdem über ein fotografisches Gedächtnis, über großen Ernst und ebensolche Hartnäckigkeit. Und so bringt sie ihre Familie dazu, sich ganz dem Klimaschutz zu widmen. Mit Solarenergiepanelen auf dem Dach, einem E-Auto in der Garage, dem Verzicht auf Flüge, Fleisch und anderes, versuchen Greta, Malena, Svante und Beata ihren Anteil zur Befriedung der Erde zu leisten.

Und siehe da, auch das eigene Leid scheint durch diese Arbeit an Gretas Herzensanliegen ein Stück weit gelindert zu werden. Erleichtert beschreibt Malena Ernman, wie ihre Tochter plötzlich auflebt, als sie ihren Schulstreik vorbereitet. Damit endet das Buch, also lange bevor ihre fünfzehnjährige Tochter mit ihrem Schulstreik fürs Klima eine globale Protestbewegung in Gang brachte.

Dieses junge Mädchen, von dem seine Eltern zeitweise fürchten, dass es vielleicht nie zu einem selbstständigen Leben in der Lage sein wird, wird – wie wir wissen – wenig später sogar vor der UN-Klimaschutzkonferenz in Kattowitz sprechen und vom New Yorker Times Magazin zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Gegenwart gezählt werden. Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung oder Entwicklungsstörung können – weitere wichtige Botschaft – aufblühen und gesunden, etwa, wenn sie andere mit ihrem Herzensanliegen erreichen und bewegen.

Cornelia Schäfer in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 10.07.2019