Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

»Euthanasie«-Geschichte als Familiendrama

Januar 1940. Der Altertumsforscher Max Koenig liegt mit der Diagnose Huntington-Krankheit im Krankenhaus. Während er nach einem Sturz und aufgrund der fortschreitenden Nervenkrankheit ans Bett gefesselt ist, bleibt sein Geist wach. Die abschätzigen Bemerkungen der Ärzte und die Informationen der Schwester Rosemarie lassen keine Illusionen zu, welches Schicksal ihn erwarten wird. Als erblich belastet und nicht mehr arbeitsfähig gehört er zu den »Defektmenschen«, die für das Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten vorgesehen sind. Die Stunde der Spezialisten ist gekommen: Ärzte, die die Meldebögen ausfüllen und über Leben und Tod ihrer Patienten entscheiden – im vermeintlich höheren Interesse der Volksgemeinschaft.

In einem inneren Monolog erinnert sich Koenig an seinen Doktorvater, der rechtzeitig ins Exil gegangen war und ihn eindringlich gewarnt hatte. Er führt mit Unterstützung eines Mitpatienten Tagebuch, schreibt sein Testament und verabschiedet sich von seiner Frau und seiner Tochter, die er, um sie zu schützen, gegenüber den Ärzten verleugnet. Es gelingt ihm auch noch, eine junge Patientin als Haushaltshilfe bei seinem Vetter Gernoth von Trabitz unterzubringen und damit vor dem Tod zu retten. Das Essen wird schlechter, die Ansprache der Ärzte rüder, und aus dem Einzelzimmer wird er in einen Bettensaal verlegt und schließlich in einem der gefürchteten grauen Busse in die Tötungsanstalt Bernburg abtransportiert.

Szenenwechsel. Friedel Lerbe hat als Arzt im Dritten Reich Karriere gemacht. Auf Vermittlung seines Onkels, jenes Gernoth von Trabitz, bekommt er einen Posten im Gesundheitsministerium. Er wird für die »Euthanasie«-Aktion angeworben und entschließt sich, der »Wissenschaft von der Rasse« zu dienen – wird zu einem jener Spezialisten, die ihren Auftrag mit zynischem Perfektionismus erfüllen. Als Chefarzt in Bernburg organisiert und verantwortet er die mörderische Prozedur, führt die »Untersuchungen« durch, die dem einzigen Ziel dienen, eine möglichst glaubwürdige Todesursache zu erfinden; und er muss sein Personal mit Kameradschaftsabenden und Prämien bei Laune halten. Bei den Dienstreisen in die T4-Zentrale in Berlin trifft er sich mit einem alten Schulkameraden, der es bis in die Leibgarde Hitlers geschafft hat. Mit seiner Freundin Anja, einer »arischen Schönheit«, plant er die Hochzeit, sollten sie die Heiratserlaubnis der SS erhalten.

In den ersten zwei Kapiteln des Romans »Die Stunde der Spezialisten«, der in der wundervollen »Anderen Bibliothek« erschienen ist, erzählt die Autorin Barbara Zoeke die Geschichten der beiden Protagonisten aus ihrer jeweiligen Perspektive. Sie versetzt den Leser in ein Wechselbad der Gefühle zwischen Mitgefühl und Trauer für Max Koenig und dessen Mitpatienten und Wut und Verachtung gegenüber ihren Mördern. Im dritten Kapitel treffen die beiden Männer im Untersuchungszimmer aufeinander und erkennen sich und ihre familiäre Verbindung. Der klug komponierte Roman ist auf diese Begegnung als dramaturgischen Höhepunkt zugeschrieben, weshalb an dieser Stelle auf eine Schilderung des Ausgangs der Szene und des Fortgangs der Handlung verzichtet wird.

Die Autorin hat sich intensiv mit der Geschichte der »Euthanasie« beschäftigt. In einigen Passagen leidet der Erzählfluss unter den zahlreichen historischen Details. Trotzdem empfiehlt sich das Buch für die Veranschaulichung und Auseinandersetzung mit diesem düstersten Kapitel der Psychiatriegeschichte.

Thomas Müller in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 10.04.2018