Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Ich das Krisenzentrum - Eine Angehörige berichtet

Zwei Vorbemerkungen zu diesem Buch vorab: wenn man als Psychiatrie-Erfahrene Berichte von Angehörigen liest, insbesondere von solchen,die von ihrem psychisch erkrankten Familienmitglied viel zu ertragen hatte, kriegt man ungute Gefühle. Man denkt sich, trotz aller mobilisierten Abwehr: was sind wir Betroffenen doch für Quälgeister, wie machen wir anderen Menschen das Leben schwer, was sind wir doch für eine Last für unsere Umwelt. Und so, obwohl die eigene Geschichte eine ganz andere ist als die dargestellte, fühlt man sich, obwohl objektiv unschuldig an der berichteten Situation, stellvertretend (mit)schuldig...hört das denn nie auf?

Das andere, was mir auffällt ist, dass offenbar besonders jene Angehörige Bücher schreiben, deren Geschichte besonders leidvoll ist, und die dann eher schlecht oder sehr offen ausgeht. Selbstverständlich ist es notwendig, dass auch diese Beispiele erzählt werden, denn, wie die Autorin des vorliegenden Bandes zurecht anmerkt, kann darin ein Trost für andere mit ähnlichem Schicksal liegen.

Mitreißend geschrieben

Mich wundert es nur deshalb ein wenig, weil Menschen ja sonst auch gerne mal von einem guten Ausgang lesen wollen. Aber diejenigen Angehörige, deren betroffenes Familienmitglied nach einer Zeit der Irrungen und Wirrungen einen ganz guten Weg gefunden hat, die Familie ein neues, verändertes Gleichgewicht lebt, fühlen sich offenbar nicht bemüßigt, darüber Bücher zu schreiben.... Trotz dieser subjektiven Vorbehalte: das Buch von Ingrid Mertz konnte ich, einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen. Es ist auf eigene Art mitreißend geschrieben.

Die Autorin ist gleich in dreifacher Hinsicht als Angehörige betroffen: als Tochter einer psychisch kranken Mutter, deren "Krankheit niemand kennt und die außer ihr niemand hat" - als sie später im Erwachsenenalter die Diagnose "Schizophrenie" erfährt, muss sie das erstmal verdauen- was ihr Leben als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene in besonderem Maße dominiert. Als Ehefrau ihres ersten Mannes, der im Laufe der Ehe sowohl eine Alkoholsucht als auch eine psychische Erkrankung entwickelt. Als Mutter eines Sohnes, der im jungen Erwachsenenalter psychotisch wird. Und immerzu ist sie in der Verantwortung.

Offen und schonungslos

Mertz erzählt ihre eigene Lebensgeschichte unter solchen Umständen, aber auch in kritisch-verständnisvoller Weise die Geschichten der drei Erkrankten (und teilweise der Behandlungsodysseen) – jeweils für sich und doch auch miteinander verwoben. So entsteht ein tieferes und auch abgerundeteres Bild. Da alles so offen und schonungslos beschrieben wird, alle Bereiche vorkommen, die eine Rolle spielen- Arbeit, Geld, Liebe, Sexualität, Aggressivität, Alkohol, Drogen, Gefühle der Scham gegenüber der Umwelt, Sehnsüchte, hat man beim Lesen das Gefühl, ganz nah am Geschehen dran zu sein.

Manchmal wirft die Autorin sich vor, die psychische Erkrankung ihres Mannes und Sohnes nicht früher erkannt zu haben, allzu blind gewesen zu sein- nach der Erfahrung mit ihrer Mutter hätte sie das doch sehen müssen- wobei ich denke, es ist ja nicht Aufgabe von Angehörigen, mit einer diagnostischen Brille auf der Nase ihre Familie zu betrachten. Trotz aller Probleme werden auch die wenigen, stützenden Faktoren genannt: die Großeltern, Freundschaften, der Beruf, manchmal professionelle Unterstützung.

Konkret und alltagsnah

Mertz berichtet die Ereignisse in einer sehr konkreten, alltagsnahen Weise, die dramatischen Ereignisse in einem lakonischen Stil, gewürzt mit eigenen Kurzkommentaren bzw.-reflexionen. Dieser Stil, und die gleichzeitig kritische, manchmal durchaus aggressive sowie andrerseits tief mitfühlende und solidarische Haltung gegenüber den erkrankten Familienmitgliedern machen das Buch so gut lesbar.

Man vergisst darüber beinahe, dass sie, die Autorin, es ja ist, die in dem ganzen Szenario mit ihren Bedürfnissen und Interessen wesentlich zu kurz kommt -oder sind eigentlich alle Beteiligten in Wahrheit "Zukurzgekommene"?- erst ganz am Schluss erwähnt sie dieses Thema ausdrücklich. Doch der letzte Absatz besteht dann wieder aus guten Wünschen für die drei Erkrankten. Einen Wunsch für sich selber hätte sie ruhig hinzufügen dürfen.

Sibylle Prins in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 23.03.2017