Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Kontakt- und Begegnungsstätten

Vor mehr als dreißig Jahren entstanden die ersten Kontakt- und Beratungsstellen – da wird es Zeit für eine Bestandsaufnahme und Zwischenbilanz. Astrid Delcamp, Soziologin und Kennerin der Materie durch eigene praktische Tätigkeit, möchte mit ihrem Buch die Arbeit von Kontaktstellen systematisch beschreiben, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Anregungen geben, aber auch eine Lanze brechen für diesen inzwischen unverzichtbaren Baustein im Feld der sozialpsychiatrischen Versorgung.

Kaffeetrink-Mythos

Dabei konstatiert sie zunächst einen offensichtlich therapie- und erfahrungsresistenten "Kaffeetrink-Mythos", der Einrichtungen sowie Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen noch immer in Form von Geringschätzung entgegenschlägt und sie dann in eine Verteidigungshaltung nötigt. (Ich erinnere aber auch Gegenteiliges: Als mir vor vielen Jahren berichtet wurde, dass sich zwei Besucher unserer Kontaktstelle zu einem Treffen in "Kühnes kleiner Kaffeestube" verabredet haben, habe ich dies als durchaus ehrenhaft empfunden.)

Verwirrende Namen

Verwirrend bleibt bis heute, dass sich in der Szene kein einheitlicher Name für den Einrichtungstyp durchsetzen konnte. Neben dem etwas sperrigen Fachterminus "Einrichtungen mit Kontaktstellenfunktion" firmieren sie als Kontaktstätte, Anlaufstelle, Teestube, Club, Treffpunkt, Kontakt- und Beratungsstelle, Begegnungsstätte sowie nicht selten mit Fantasienamen, die mitunter nur Eingeweihte verstehen oder sich lediglich mit historischem Wissen erschließen. Wer weiß schon, dass der "Binger Club", der sich in der Berliner Güntzelstraße befindet, so heißt, weil er früher mal in der Binger Straße ansässig war? Folgerichtig benutzt die Autorin dann im Weiteren immer wieder mal den einen und den anderen Namen und spricht mal von Treffpunkt, dann wieder vom Club usw.

Ähnliche Ziele

Alle Einrichtungen haben ähnliche Ziele und wollen ein niedrigschwelliges Angebot machen, soziale Teilhabe ermöglichen und gesellschaftliche Inklusion fördern. Bei aller Gemeinsamkeit bleiben jedoch Unterschiede, und die Autorin stellt fest, dass es "das Konzept von Kontaktstellen nicht gibt" (S. 122).

Mit soziologischer Akribie beschreibt sie zunächst die Entwicklung von den ersten Patientenclubs bis zu den heutigen Kontaktstellen und unternimmt dabei auch Ausflüge ins deutschsprachige Ausland. Das ist etwas dröge zu lesen, jedoch insgesamt nützlich, denn schließlich wird hier Basiswissen vermittelt und keine Unterhaltungslektüre geboten.

Aus der Praxis

Dann aber wird aus der Praxis von Clubs und Treffpunkten berichtet. Das ist interessant und leichter zu lesen. Wie funktioniert eine Kontaktstätte? Wer kommt und warum, woher kommen die Besucher/- innen? Welche Interessen haben sie? Welche Konflikte gibt es? Wie ist es mit dem Umgang von Nähe und Distanz?

Die Autorin beschreibt und begründet, welche Grundhaltung die Mitarbeiter/-innen haben (sollten), wie die Arbeitsweisen an dieser Nahtstelle zum nichtpsychiatrischen System funktionieren. Immer wieder gibt es illustrierende Beispiele, werden Erfahrungen aus der Praxis berichtet und ausgewertet. Regeln und Rituale veranschaulichen, wie sich der Umgang gestaltet. Trotz der Darstellung von Handlungsstrategien und hilfreichen Tipps verschweigt die Autorin nicht, dass es keine Patentrezepte gibt und manchmal brenzlige Situationen immer wieder neu mit Erfahrung und Fingerspitzengefühl gemeistert werden müssen. Hilfreich sind konkrete Beispiele, z.B. wie mit Krisensituationen umgegangen werden kann (S. 93 f.).

Finanzielle Absicherung

Einrichtungen mit Kontaktstellenfunktion haben keine einheitliche Finanzierungsgrundlage und befinden sich oft in einer prekären Lage hinsichtlich ihrer Existenzsicherung. Als niedrigschwelliges Angebot zur Prävention verzichten sie auf individuelle Aktenführung, es gibt naturbedingt keine evidenzbasierten Erfolgsgeschichten. Statistiken und Nutzungszahlen geben Anhaltspunkte, sind aber letztlich auch kein Qualitätsnachweis (Mario Barth füllt Olympiastadien, aber bietet er Qualität?).

Für ein Präventionsgesetz gab es hoffnungsvolle Ansätze, nun ist jedoch weit und breit keines in Sicht. Die finanzielle Absicherung muss daher immer regional und vor Ort erreicht werden. Dafür braucht es Überzeugungsarbeit, für die das fundierte Buch von Astrid Delcamp unterstützend und nützlich ist. Ich wünsche ihm daher eine große Aufmerksamkeit und bei einer möglichen Neuauflage einen mutigen Verleger, der auch größere Schrifttypen, insbesondere für Abbildungen, genehmigt.

Holger Kühne in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 10.05.2017