Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Helfensbedürftig - Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Dörner, ehemaliger ärztlicher Leiter der westfälischen psychiatrischen Klinik Gütersloh, ist einer der wenigen Psychiater, vielleicht sogar der derzeit einzige, denen es gelingt, sich weit über das eigene Fachgebiet hinaus Gehör zu verschaffen.

Philosophisch untermauerte Werkzeugkiste

Mit seinem zuletzt erschienenen Buch "Helfensbedürftig" legt er anknüpfend an die bereits erschienene Schrift "Leben und Sterben, wo ich hingehöre – Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem" so etwas wie eine (moral)philosophisch untermauerte Werkzeugkiste für unverdrossene Weltverbesserer vor. Seine These: Es ist höchste Zeit, sich endgültig von der Epoche der industriell geprägten Gesellschaft, die die Ausgrenzung behinderter, fremder oder wie auch immer andersartiger Menschen förderte, zu verabschieden.

Der Übergang ins Dienstleitungszeitalter mit der Chance zu weitgehender Inklusion konkretisiere sich, was Dörner mit einer beeindruckenden Fülle von Beispielen bürgerschaftlichen Engagements aus dem In- und Ausland untermauert. Der Leserkreis, an den das Buch sich richtet, ist weit gefächert. Es sind erstens normale Bürger und Bürgerinnen, die sich angestiftet fühlen könnten, einen Teil ihrer Zeit als Sozialzeit zu leben, um die für jeden notwendige "Tagesdosis an Bedeutung für andere" zu erreichen.

Hier sieht Dörner ein großes "integrationsförderliches Potenzial". Ein Potenzial, das die Dienstleistungsgesellschaft gleichsam zu einer "Hilfeleistungsgesellschaft" mache, insbesondere für die alten und dementen Menschen, schließlich aber auch für alle anderen benachteiligten Gruppen. Zu den anzusprechenden Bürgern zählt er insbesondere auch diejenigen Rentnerinnen und Rentner, die in ihrer dritten Lebensphase tätig sein wollen und können und sich nicht den "kurzatmigen Sozialkonstrukten" "Alter" oder "Ruhestand" ergeben.

Beschreibung sozialer, zwischenmenschlicher Verhältnisse

Überhaupt dürften alle systemisch geschulten Profis von Klaus Dörners Beschreibung sozialer,zwischenmenschlicher Verhältnisse entzückt sein, da er ein Meister des "reframing" ist. So z.B., wenn er Demenz "als neue menschliche Seinsweise" charakterisiert, der wir "viele tiefgehende Einsichten verdanken", und die deutlich mache, "dass im existenziellen Kern alle Menschen sich gegenseitig nicht verstehen können".

Angesprochen werden durch Klaus Dörners Ausführungen natürlich auch alle Profis, insbesondere, die in leitenden Stellungen. Sie hätten unter anderem zu lernen, sich um den angemessenen Bürger-Profi-Mix zu kümmern und um die Pflege des Sozialraums. Drittens werden Politiker aller Couleur in die Pflicht genommen und hier thematisiert Klaus Dörner mehr als in früheren Schriften auch die Gefahren möglicher Perversionen der Dienstleistungsgesellschaft, insbesondere durch die skandalöse Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche und durch Denkmodelle, die das Soziale in Analogie zur Automobilindustrie gestalten wollen.

Hochgespannter moralischer Imperativ

Klaus Dörner schreibt streckenweise mit dem Zungenschlag eines hochgespannten moralischenImperativs. Einmal abgesehen davon, dass dies bei dem einen oder anderen vielleicht einen gewissen Widerstand auslöst, könnte die Leserin, der Leser sich daran erinnern, dass gerade die so leidenschaftlich gewollten Weltverbesserungen historisch gesehen häufig in ihr Gegenteil umschlugen, und dass es auch aus jüngster Zeit Beispiele dafür gibt, wie verheißungsvolle Visionen sozialer Umgestaltungen oft recht technokratisch und damit schädlich für die damit zu beglückenden Menschen umgesetzt werden. Diese Gefahr sieht Dörner selbst auch.

Immer wieder spricht er wichtige Fragen der Grundhaltung an und mahnt trotz aller Leidenschaftlichkeit zu Geduld und Langsamkeit in der Umsetzung. Solche mahnenden Töne sollten auch bei dem Kapitel über die verantwortliche Auflösung der Heime nicht überlesen werden. Diese kurze holzschnittartige Zusammenfassung wird dem facettenreichen Buch keineswegs gerecht.

Es wird gerade dadurch so facettenreich, dass es anthropologische und philosophische Nachdenklichkeit mit geschichtlichen Rückblicken und gegenwärtigen Beobachtungen gelingender, insbesondere gelingender bürgerschaftlicher Arbeit ins Gespräch bringt. Da hilft nur selbst lesen. Klaus Dörner: Helfensbedürftig - Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert.

Renate Schernus in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 24.03.2017