Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Stigma psychische Krankheit

Vom Stigma psychischer Krankheit zu sprechen ist beinahe zum Allgemeinplatz geworden. Unzählige wissenschaftliche Artikel haben sich mit diesem Thema befasst, und fast meint man, es wäre doch nun alles gesagt. Aber dem ist nicht so. Denn jenseits der Allgemeinplätze gibt es viel Unverstandenes, Unbekanntes und Unbequemes an diesem Thema. Es ist das große Verdienst von Asmus Finzen, diese Dinge in einem neuen Buch zur Sprache zu bringen. Es handelt sich dabei um eine grundlegende Weiterentwicklung des "Klassikers" der deutschsprachigen StigmaLiteratur "Der Verwaltungsrat ist schizophren" von 1996.

Unbequeme Befunde

Zu den unbequemen Befunden, die Finzen hervorhebt, gehört zum Beispiel die Tatsache, dass die Stigmatisierung psychisch Kranker in den letzten Jahren (anders als erhofft) keineswegs abgenommen hat. Stigma ist ein Thema, das nichts von seiner Relevanz verloren hat. Finzen hinterfragt übliche Redeweisen über Stigma. Schon der Titel des Buches "Stigma psychische Krankheit" gefällt, indem Finzen den gängigen Genitiv "psychischer Krankheit" durch den Nominativ ersetzt - und durch diese winzige Änderung einen abstrakten Fachbegriff zu einer klaren Beschreibung werden lässt.

Selbststigmatisierung

Eine der stärksten und anregendsten Passagen im Buch befasst sich mit dem Begriff "Selbststigmatisierung": Finzen lehnt den Begriff ab, weil er eine Mitverantwortung der Betroffenen suggeriert, obwohl es sich auch bei diesem Phänomen um eine gesellschaftlich verursachte Stigmafolge handelt. Das ist gut auf den Punkt gebracht, und es zeigt, wie wichtig es ist über die Begriffe zu reflektieren, die wir verwenden. In diesem Fall signalisiert der Begriff eine Verschiebung des Interesses von der gesellschaftlichen Ebene hin zu intrapsychischen Vorgängen bei den Betroffenen - eine Verschiebung, die dem gesellschaftlichen Phänomen Stigma vermutlich nicht gerecht wird.

Mit klarem Kopf gegen die Stigmatisierung

Finzen nutzt die 180 Seiten des Buches, um einen weiten Bogen zu spannen. Er ist in der Literatur aus den Anfängen der Stigma-Forschung ebenso bewandert wie in aktuellen Arbeiten zu diesem Thema. Er verknüpft internationale Studien mit lokalen Erhebungen, soziologische Theorien mit individuellen Erfahrungsberichten, aktuelle mit historischen Ereignissen. Betrachtungen zu den Ursachen und Erscheinungsweisen des Stigmas führen hin zu ausführlichen Erörterungen, wie man denn nun am besten mit Stigma umgehen sollte. "Mit klarem Kopf gegen die Stigmatisierung" heißt eines dieser Kapitel, die sich auch mit Stigma-Management und Anti-Stigma-Kompetenz befassen.

Man spürt auf jeder Seite des Buches wie nah Finzen den Betroffenen steht — hier spricht ein überaus belesener, kluger und erfahrener Psychiater über ein Thema, das ihm am Herzen liegt. Finzen schreibt vor allem über das Stigma Schizophrenie. Viele Kapitel widmen sich explizit dem Krankheitserleben von Menschen mit dieser Diagnose.

Das Buch richtet sich an Betroffene und ihre Angehörigen ebenso wie an klinisch Tätige und Stigmaforscher. Es macht Spaß, Finzens sorgfältigen und engagierten Gedanken zu folgen, man genießt beim Lesen den weiten Horizont des Autors. Asmus Finzen hat ein wichtiges Buch geschrieben. das seine Leser anregen und bewegen wird.

Georg Schomerus in Psychiatrische Praxis

Letzte Aktualisierung: 10.05.2017