Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Ethik in der Psychiatrie

Die gesetzlichen Entwicklungen in Bezug auf die Psychiatrie stehen vor allem im Zeichen der Stärkung von Patientenrechten. Gleichwohl befinden sich psychiatrische Mitarbeiter häufig im Spannungsfeld zwischen der Wahrung von Patientenautonomie einerseits und Schadensabwehr andererseits. Eine Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen ist also unumgänglich, in der Praxis fehlt aber meist das Instrumentarium, um mit entsprechenden Situationen hinreichend umzugehen.

Das Herausgeberwerk »Ethik in der Psychiatrie« bietet sich im Untertitel als »Praxishandbuch« an und wendet sich damit vor allem an psychiatrisch Tätige und nicht an eine rein akademische Leserschaft. Die Leser lernen im ersten Teil des Buches wichtige Begriffe der medizinischen Ethik kennen und erhalten einen Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen, in denen sich Entscheidungen bewegen dürfen bzw. müssen. Begriffe wie Paternalismus, Autonomie und Selbstbestimmungsfähigkeit werden vermittelt und für philosophische wie juristische Laien verständlich erklärt. Etwas aus dem Rahmen fällt das Kapitel von Asmus Finzen, das einen spannenden Überblick über die Einflüsse gibt, die eine Reform der deutschen Psychiatrie vor der Enquete verhinderten.

Im zweiten Teil des Buches »Ethische Konflikte« geht es zunächst um die empirische Studienlage zu Zwangsmaßnahmen. Die Autoren des Kapitels berichten außerdem, dass Fixierung und Isolierung häufig belastender für Patienten seien als eine medikamentöse Zwangsbehandlung. Leider erscheinen ihre Argumentationslinien recht isoliert und ohne den Hinweis auf alternative Konzepte, wie das Prinzip der offenen Türen, das z.B. Fremdaggressionen zu reduzieren vermag und an späterer Stelle im Buch auch vorgestellt wird. Im Kapitel zur Suizidalität wird die in Fachkreisen geführte Kontroverse um das Recht auf assistierten Suizid wegen einer schweren psychischen Erkrankung kaum aufgegriffen. Begrüßenswert ist die Auseinandersetzung mit Interessenskonflikten in der Psychiatrie.

Die Autoren beschränken sich hier nicht auf die problematische Nähe zwischen Ärzten und Pharmaunternehmen, sondern beschreiben beispielsweise auch Problemfelder in der Psychotherapie: So erhalten Patienten nicht immer eine leitliniengerechte psychotherapeutische Behandlung, weil Therapeuten ihre eigene Ausrichtung für die zielführende halten. Die Kapitel zu ethischen Konflikten in der klinischen Sozialarbeit und akutpsychiatrischen Pflege zeichnen sich durch praxisrelevante Beispiele für schwierige Entscheidungssituationen aus. Nebenbei erfährt der Leser, dass die häufig kritisch beäugten ökonomischen Erwägungen von Kostenträgern vor dem Hintergrund der Verteilung von Mitteln bei begrenzten Ressourcen auch dem Gerechtigkeitsprinzip entsprechen können. Im dritten Teil »Perspektiven für die Praxis« werden Konzepte zur Verbesserung der psychiatrischen Versorgung vorgestellt.

Zu diesen gehören neben der Genesungsbegleitung auch der Ansatz der offenen Türen auf psychiatrischen Stationen sowie die Verwendung von Vorausverfügungen. Dass offene Türen ethisch nicht per se unproblematisch sind, veranschaulicht die Schilderung eines Gerichtsfalles. Hier wird von einem suizidalen Patienten mit Unterbringungsstatus berichtet, der von einer offenen Station entwich, in der Folge durch einen Sprung aus großer Höhe eine Querschnittslähmung erlitt und daraufhin die Klinik verklagte. Schwierige Entscheidungssituationen führen in Teams nicht selten zu Konflikten zwischen einzelnen Mitarbeitern oder auch mit Patienten und Angehörigen. Obwohl alle Beteiligten nur das Beste für einen Patienten möchten, findet sich keine gemeinsam getragene Lösung. Als hilfreiches Instrument in solchen Situationen wird deshalb am Ende des dritten Teils die von einer klinischen Ethikkommission angebotene Ethikberatung dargestellt.

Mitarbeiter sollen durch die Beratung langfristig für ethische Fragen so sensibilisiert und geschult werden, dass sie auch ohne Unterstützung von außen ethische Entscheidungen treffen können. Das Buch endet mit einem Abschnitt, in dem verschiedene Fallbeispiele unter ethischen Gesichtspunkten diskutiert werden. Der Herausgeber zählt als Zielgruppe unzählige Professionen mit ganz unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern sowie Patienten und Angehörige auf. Diese lange Liste ließ zunächst befürchten, dass die praxisbezogenen Anteile der Beliebigkeit anheimfallen könnten. Die Befürchtung hat sich jedoch nicht bestätigt.

Das Buch gibt sowohl Mitarbeitern in der stationären und ambulanten Psychiatrie als auch im sogenannten komplementären Bereich viele praktische Anregungen, es wirbt für eine ethikorientierte Herangehensweise und ist zudem in einer für Laien auf dem Gebiet der Ethik nachvollziehbaren Sprache verfasst. Die oben beschriebene Klage wurde übrigens abgewiesen. Das Gericht schätzte die auf der Station praktizierte 1:1-Betreuung als ausreichend ein.

Ilja Ruhl in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 10.10.2018