Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Wohin treibt die Sozialpsychiatrie?

Dies ist der dritte Band der Reihe »Hart am Wind«. Cover und Titel zeigen uns, dass wir in heimischen Gewässern sind. Beim »Segel Setzen«, den zweijährlichen Tagungen des Netzwerks Sozialpsychiatrischer Dienste in Deutschland, war ich immer dabei. Das letzte Treffen, das auf dem Cover noch erwähnt wird, fiel bereits Corona zum Opfer.

Wir haben Rückblicke und Chroniken gelesen – immer aus der Perspektive eines ganzen Verbands oder einer Organisation. Nun begebe ich mich neugierig an die Seite von Hermann Elgeti und lasse mich von ihm durch sein berufliches Leben in und mit der Sozialpsychiatrie führen. Für diese – von mir gewählte – Art der Rezeption rate ich dringend, den Band ganz vorne aufzuschlagen und mit der Lektüre am Anfang zu beginnen. Ist man erst einmal richtig eingefädelt, dann darf man zur Not das eine oder andere Kapitel überschlagen. Vielleicht hat man als eifriger Leser der »Sozialpsychiatrischen Informationen« einige Texte gelesen. Als Redaktionsmitglied kenne ich natürlich die Beiträge, die in der »Sozialen Psychiatrie« erschienen sind.

Nach der Skizzierung seiner beruflichen Laufbahn – und damit der Erklärung für seine beharrliche Leidenschaft für unser Feld – gibt der Autor kurze Informationen zu den einzelnen Aufsätzen und ordnet diese zeitgeschichtlich und inhaltlich ein. Elgeti hat seine Beiträge nicht chronologisch, sondern in drei Sektionen geordnet: Auf die Alltagslektionen folgen Positionierungen, den Abschluss bilden die Zukunftsperspektiven.

Es geht los mit »Der Hausarzt und die Psychiatrie«, erstmals veröffentlicht 1987. H. Elgeti hat sich bereits im Rahmen seiner Dissertation mit diesem Thema befasst. Es ist erstaunlich, mit welcher Härte Hausärzte und Psychiater sich gegenseitig ablehnten. Beinahe lakonisch, illustriert durch zwei Fallvignetten, beschreibt er vor allem das Schicksal schizophrener Patienten auf der Flucht vor der Psychiatrie. Neu ist für mich ein Bericht über seine Tätigkeit in der stationären Psychiatrie, in dem er sehr offen auch über Probleme berichtet, über seinen Ärger und »zweimal Grund zur Wut« (S. 49).

Nicht immer lassen die Titel erahnen, was drin steckt. »Im Schatten unserer Pläne geht auch einmal ein Traum in Erfüllung« handelt weniger von Träumen als von Behandlungs-, Rehabilitations- und Therapieplänen. Vielleicht reibt dieser Beitrag nicht nur in meiner Wunde. Irgendwo zwischen der »Aktion psychisch Kranke« und der »Soltauer Initiative« haben wir uns womöglich verirrt. Ja, mach nur einen Plan … Auch der gescheiterte Versuch der AOK Niedersachsen, in die Integrierte Versorgung einzusteigen, wird nicht nur kritisch beäugt, sondern liefert eine kluge Analyse der Entwicklungen und somit auch der Hoffnungen und Enttäuschungen der sozialpsychiatrischen Akteure. Dieser 2013 in der »Nervenheilkunde« erschienene Beitrag lässt mich einige Verwicklungen kapieren.

Das zweite große Thema sind die Sozialpsychiatrischen Dienste, nicht nur in Hannover. Elgeti war (zusammen mit M. Albers und S. Erven) Initiator des Netzwerks aller Sozialpsychiatrischen Dienste in Deutschland; sein profundes Wissen hat er in vielen Vorträgen – z.B. bei der DGSP-Jahrestagung 2018 in Magdeburg ­– präsentiert. Er hat sich ungeheuer bemüht, die personelle Ausstattung und Finanzierung der Dienste auf überprüfbare Füße zu stellen; er hat dazu geforscht und gezählt und unzählige Tabellen erstellt.

Es gibt weitere, hervorragende Texte zu übergeordneten Themen. Ungeheuer spannend ist die Darstellung der von ihm so genannten »Betten-Debatte« – Spezialisierung contra Regionalisierung. Auch der Text über Inklusion und Sozialraumorientierung gehört in einschlägige Lehrbücher.

Elgeti spannt seine Betrachtungen ein in einen größeren gesamtgesellschaftlichen Kontext. Politische und philosophische Betrachtungen, angeregt von Bloch, Buber, Habermas und vielen anderen weiten die Perspektive und helfen, den psychiatrischen Tunnelblick zu vermeiden. Denn es geht bei der Sozialpsychiatrie immer auch um das ganze Leben und die ganze Welt. Ein besonders gelungenes Beispiel für diese komplexe Denke ist der Beitrag: »Sozialpsychiatrie als Verpflichtung zum Dialog …«, erschienen 2000 in den »Sozialpsychiatrischen Informationen«. Für mich ist aber entscheidend: Elgeti schreibt klar und verständlich; ganz egal, wie sehr seine Exkursionen unser Feld verlassen, so nimmt er doch jede Leserin und jeden Leser mit.  

Vielleicht habe ich ein wenig neugierig auf diesen Sammelband gemacht. Vielleicht war ich bereits vorab befangen. Nach der Lektüre bin ich es auf jeden Fall. Was ist Sozialpsychiatrie? »Sozialpsychiatrie hieße für mich die Verpflichtung, den Dialog über Tun und Lassen ernst zu nehmen.« (S. 84) »Als Spezialdisziplin an der Grenze zwischen Medizin und Sozialer Arbeit steht sie dazu noch im Spannungsfeld unterschiedlicher ethisch-fachlicher Prägungen der dort arbeitenden Berufsgruppen.« (S. 160).

Ilse Eichenbrenner in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 29.04.2021