Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Qualitative Forschung in der Sozialpsychiatrie

In Bayern würde man sich die Frage stellen: Braucht’s des? [Übersetzt: Ist ein spezielles Einführungsbuch für qualitative Sozialforscher im Feld der Sozialpsychiatrie notwendig?] Das Herausgeberteam des vorliegenden Sammelbands hat es sich jedenfalls zur Aufgabe gemacht, die Chancen und konkreten Anwendungsmöglichkeiten qualitativer Sozialforschung in der Sozialpsychiatrie auszuloten. Für den Band konnten renommierte Vertreter*innen aus unterschiedlichen Professionen – Soziale Arbeit, Psychologie, Psychiatrie, Pädagogik, Soziologie – mit verschiedenen Forschungsperspektiven und vielfältigem methodischen Handwerkszeug gewonnen werden. Der Sammelband bietet ein großes Spektrum an unterschiedlichen Problematisierungsweisen, theoretisch-methodischen Ansätzen und Anwendungsmöglichkeiten qualitativer sozialpsychiatrischer Forschung.

In einem ersten, vornehmlich grundlagenorientierten Themenblock beleuchtet Silvia Krumm zunächst die historisch gewachsenen wie auch theoretischen Gemeinsamkeiten zwischen Sozialpsychiatrie und qualitativer Forschung: Beide rücken Subjektivität wie auch Kontextualität sowohl thematisch als auch methodisch in den Mittelpunkt. In dem direkt anschließenden Kapitel weitet die Autorin den Blick auf die allgemeinen Kennzeichen und Gütekriterien qualitativer Forschung. Reinhold Kilian vertieft in seinem Beitrag über die Möglichkeiten und Grenzen von Mixed-Methods- Designs die wissenschaftstheoretischen Grundlagen quantitativer und qualitativer Forschungsmethodik, um blinde Flecken herauszuarbeiten und darauf aufbauend potenzielle Anschlussmöglichkeiten zu erkunden.

Der Beitrag von Silvia Krumm zu den ethischen Aspekten qualitativer Sozialforschung im Feld der Sozialpsychiatrie rundet den ersten Block zu den Grundlagen ab. Spätestens hier wird deutlich, dass sich ein spezielles Einführungsbuch für dieses Handlungsfeld durchaus lohnt, insofern Fragen hinsichtlich des Forschungsnutzens, der Gegenstandsangemessenheit und der Gestaltung des Forschungsprozesses aufgrund der besonderen Vulnerabilität der teilnehmenden Personen eine herausragende Bedeutung haben.

Heiko Löwenstein beschäftigt sich zu Beginn im zweiten Themenblock vertiefend mit sinnrekonstruierenden Grundprinzipien eines qualitativen Forschungsansatzes und geht hierbei insbesondere auf die Sequenzanalyse ein. Im Anschluss stellen Tobias Staiger und Silvia Krumm die Prinzipien inhaltsanalytischer Vorgehensweisen theoretisch dar.

Die Ansätze biografischer Sozialforschung werden im Rahmen des dritten Themenblocks beleuchtet. Gerhard Riemann reflektiert in seinen Beitrag retrospektiv seine Arbeit »Das Fremdwerden der eigenen Biografie«. Im Rahmen dessen werden auch die Entstehungsgeschichte und die sich daraus ergebenden methodologischen Implikationen einer lebensbiografischen Herangehensweise beleuchtet und zudem die Aktualität des Forschungsinstrumentes in der Sozialpsychiatrie aufgezeigt. Das Team um Ernst von Kardorff, Alexander Meschnig und Sebastian Klaus beleuchtet den biografischen Ansatz im Rahmen einer Mixed-Methods-Studie, welche im qualitativen Teil mit episodisch-narrativen Interviews Rehabilitanden untersucht, wie nach einer psychisch Beeinträchtigung eine Krisen verarbeitet wird und wie sich dies auf die berufliche Rehabilitation auswirken kann.

Hierbei wird exemplarisch anhand zweier Fälle aufgezeigt, wie biografische Verlaufskurven Aufschluss über Wirkungsmechanismen für die erfolgreiche Bewältigung von Krisen geben können. Während sich Peter Sommerfeld mittels biografischer Interviews Re-Integrationsprozesse von psychisch kranken Menschen in ihrem sozialen Umfeld erschließt, stellt Ute Zillig in ihrem Beitrag vor, wie durch die Methode biografischer Fallrekonstruktionen soziale Phänomene, wie die Selbstthematisierung als Psychiatriepatientinnen und Rechtfertigungspraktiken in Bezug auf staatliche Unterstützungsleistungen, sichtbar gemacht werden können.

Der vierte Themenblock widmet sich der ethnografischen Forschung. Der Beitrag von Christine Schmid und Sebastian von Peter führt in die Methodik der teilnehmenden Beobachtung ein und greift nochmals ausgewiesene ethische Aspekte auf, die mit diesem Forschungsansatz verknüpft sind. Das Autorenteam Patrick Bieler und Martina Klausner erläutert detailliert und fundiert den ethnografischen Forschungsansatz mit der Methodik der »go-alongs« vor dem Hintergrund eines konkreten Forschungsbeispiels. Wie eine diskursanalytisch angeleitete Forschungsperspektive im Kontext der Sozialpsychiatrie de facto aussehen könnten, dass zeigen die nachfolgenden Kapitel. Während Werner Schneider und Moritz Hillebrecht die Grundlagen und Anwendungsmöglichkeiten einer wissenssoziologisch orientierten Diskurs- und Dispositivanalyse aufzeigen, führt das Autorenteam um Nadja-Raphaela Baer anhand einer aktuell durchgeführten Studie zum Thema Depression in die kritische Diskursanalyse ein.

Der fünfte Thementeil stellt die Frage der Messbarkeit von Erfolg oder Misserfolg in der psychiatrischen Versorgung mithilfe von qualitativen Methoden und rückt insbesondere die Nutzerperspektive in den Fokus. So zeigt die Analyse von Recoveryansätzen von Michaela Amering und Stefanie Süssenbacher anhand von vier kurz vorgestellten Studien zu den Themen iatrogene Effekte von Zwangsmaßnahmen, psychiatrische Vorausverfügungen, Stigmaresistenz sowie dem Konzept des Trialogs, wie die Methoden qualitativer Sozialforschung einen Beitrag zur Verbesserung der psychiatrischen Versorgung leisten können.

Fabian Frank und Eva-Maria Bitzer greifen die Thematik aus der Sicht der Angehörigen auf und geben einen Einblick, wie durch Gruppeninterviews der Nutzen von Angehörigenpsychoedukation herausgearbeitet werden kann. Der Beitrag von Silke Birgitta Gahleitner, Christina Frank und Rosemarie Priet schließt an das Thema Informations- und Kompetenzbedarf mit einer Evaluationsstudie über Unterstützungsangebote für traumatisierte Menschen an und zeigt auf, wo neben quantitativen Evaluationsmethoden der Mehrwert von qualitativen Interviews für die Entwicklung einer bedarfsorientierten Versorgung liegt.

Der Sammelband schließt mit der Frage ab, wie ein verstärkter Einbezug von Nutzerinnen und Nutzern in die Entwicklung und Umsetzung von Forschungsprojekten gelingen könnte. Christel Achberger gibt hierfür einen Überblick über die unterschiedlichen Formen partizipativer Forschung und legt anhand von drei ausgewiesenen Projekten zur partizipativen und nutzerkontrollierten Forschung die praktischen Anwendungsmöglichkeiten und deren Chancen dar. Der Beitrag von Gwen Schulz, Candelaria Mahlke, Elena Demke, Kolja Heumann und Thomas Bock knüpft mit weiteren Praxisbeispielen direkt an dieser Diskussion an und gibt insbesondere im letzten Teil einen spannenden Einblick in die Entwicklung eines nutzerkontrollierten Forschungsvorhabens.

Eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach der Notwendigkeit eines speziellen Einführungskompendiums qualitativer Forschung in der Sozialpsychiatrie könnte demnach lauten: Es macht durchaus Sinn! Aus unserer Sicht ist die Dominanz des »klinischen Blicks« – mit ihrem Königsweg der randomisiert kontrollierten Studien – auch weiterhin vorhanden, wenngleich der Ruf nach qualitativen Forschungsprojekten innerhalb des Handlungsfeldes Mental Health inzwischen immer lauter geworden ist. Die Beiträge dieses Sammelbandes haben zum einen gezeigt, dass die Anwendungsmöglichkeiten für qualitative Forschungsmethoden sehr breit sind, Forschende dabei jedoch mit besonderen ethischen Problemen konfrontiert werden und dafür adäquate Lösungen finden müssen.

Weiterhin wurde deutlich, dass angesichts der bisherigen dominanten Erfahrung der Deutungs-Ohnmacht aufseiten der Betroffenen die Auswahl von Forschungsfragen, die Gestaltung von Forschungsprozessen und Fragen der Gegenstandsangemessenheit neu überdacht werden müssen. Der Sammelband arbeitet dabei konsequent mit anschaulichen Beispielen und erleichtert so, insbesondere für Studierende oder Erstanwender, die Verortung ihres eigenen Forschungsvorhabens im Spektrum der qualitativen Ansätze. Der überwiegende Anteil der einzelnen Beiträge ist jedoch sehr kurz gehalten und entsprechend selektiv die jeweils diskutierten Punkte. Für ein Einführungsbuch fehlen daher wesentliche Informationen, um Forschungswissen so zu vermitteln, dass insbesondere Forschungsneulingen der Transfer in die eigene Forschungspraxis gelingt. Insgesamt liegt die Stärke des engagierten Sammelbands in der großen Bandbreite verschiedenster Forschungsperspektiven.

Daniela Blank und Eva Kunerl in Sopzialpsychiatrische Informationen

Letzte Aktualisierung: 03.02.2020