Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Psychiatriereform in der Bundesrepublik Deutschland

Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie wurde am 19.12.1970 in Hannover gegründet und wenig später beim dortigen Amtsgericht ins Vereinsregister eingetragen.

Genau 50 Jahre später, so stelle ich mir vor, Ende 2020, wird Christian Reumschüssel-Wienert an seinem Berliner Schreibtisch vor der Tastatur gesessen haben, um seinem bisher vielleicht größten Projekt letzten Schliff zu verleihen. Der Diplom-Soziologe, Jahrgang 1952, in DGSP-Kreisen liebe- oder respektvoll schlicht CRW genannt, war Ende 2018 aus dem Angestellten-Berufsleben ausgeschieden. Zu dieser Zeit reifte ein Entschluss: »Ich hatte Zeit und Lust, eine Chronik der DGSP zu verfassen und so einen Beitrag zur Aufarbeitung und Reflexion des Verbandes, in dem ich meine Heimat gefunden hatte, zu leisten. Für mich selbst war dies eine Maßnahme, in der ich im Rentnerdasein eine ebenso sinnstiftende Tätigkeit sah, wie auch eine Maßnahme zur Tagesstrukturierung finden konnte.« (S. 11)

Bereits die Vorbemerkung gibt interessante biografische Details preis und liefert damit wichtige Grundlagen zum Verständnis des Werkes. CRW, so erfährt die Leserin, hat Ende der siebziger Jahre als Praktikant zum »Gemeindepsychiatrischen Zentrum Eppendorf-Eimsbüttel« gefunden. Hier arbeiteten seit 1975 Ursula Plog, Klaus Dörner, Charlotte Köttgen und Manfred Zaumseil, hier wurde das multiprofessionelle Team als Therapeutikum entdeckt. Hier schließlich wurden die Beobachtungen und Erfahrungen gemacht, die Dörner und Plog in ihrem revolutionär neuartigen Lehrbuch »Irren ist menschlich« verarbeitet haben (1978; 25. Auflage 2019).

Reumschüssel-Wienert deckte in den folgenden Jahrzehnten so manches Berufsfeld ab, blieb aber immer in Sicht- und Hörweite zur
Sozialpsychiatrie, somit auch der DGSP und ihrer Landesverbände und Fachgremien. Von großer Bedeutung, auch für das vorliegende Buch, ist das »Berliner Archiv für Sozialpsychiatrie« (BAS), das wir dem Berliner DGSP-Landesverband und namentlich Ilse Eichenbrenner, Holger Kühne und eben auch CRW zu verdanken haben. Dieses Archiv war mit Sicherheit eine tragende Säule des Buchprojekts. Ich gehe davon aus, dass fast alle zitierten Quellen (allein das Literaturverzeichnis umfasst 100 Seiten!) im BAS zu finden sind.

Der Aufbau des Buches ist ebenso einfach wie logisch. Der 1. Vorbemerkung folgt 2. ein Überblick über die westdeutsche Nachkriegszeit bis 1970. Kapitel 3–7 widmen sich der Gesundheits- und Sozialpolitik in den fünf Jahrzehnten von 1970 bis 2020. Jeweils ein Unterpunkt beleuchtet die DGSP und ihre Rolle im fachpolitischen Kontext des jeweiligen Jahrzehnts. 8. folgt eine Zusammenfassung, 9. das bereits erwähnte eindrucksvolle Literaturverzeichnis. Das Abkürzungsverzeichnis kommt mit knapp zwei Seiten aus, was erstaunlich ist für ein Werk aus der abkürzungsverliebten DGSP (vgl. Astrid Delkamp, Von Fachgesprächen im Zug …, SP 170, S. 14).

Eine Chronik hatte der Autor sich vorgenommen. Zuweilen ist in der Vorbemerkung von einer Studie die Rede. Beides trifft sicherlich zu, beides greift aber auch zu kurz. Christian Reumschüssel-Wienert ist von Haus aus Soziologe, er hat Erfahrung in Politik-, Verwaltungs- und Organisationsberatung, vor allem aber war und ist er ein streitbarer Akteur in der traditionell diskussionsfreudigen DGSP. Er ist halt CRW – ist Spieler auf dem Feld, nicht Berichterstatter auf der Tribüne. Deshalb war weder ein chronologischer Geschäftsbericht des DGSP-Vereinslebens noch eine Nacherzählung von fünfzig Jahren Gesundheitsund Sozialpolitik in der BRD zu befürchten.

Tatsächlich bekommt der Leser eine wirklich gute Erzählung; über deren Voraussetzungen, Perspektive und Filter hat der Autor in der Vorbemerkung Rechenschaft abgelegt. Auch so manche Fußnote verweist auf die subjektive Komponente des Textes. Sinngemäß: »Hier stehe ich, von hier schaue ich drauf, dies ist meine Rekonstruktion.«

Das ist legitim, und es ist unterhaltsam, teils regelrecht spannend zu lesen. – Zumindest für jemanden, der wie ich noch lebendige Erinnerungen an den ersten Besuch in einer Psychiatrie, an überfüllte Tagungssäle oder turbulente Mitgliederversammlungen hat. Langjährigen SP-Leserinnen empfehle ich das Werk wärmstens. »Psychiatriereform in der Bundesrepublik Deutschland« liest sich flüssig, wirkt kognitiv trainierend und präventiv gegen den stets drohenden demenziellen Erinnerungsverlust. Den Jüngeren unter Ihnen sei die Lektüre empfohlen mit dem Hinweis, dass man eine Geschichte kennen sollte, wenn man die Fehler nicht wiederholen will. »Wenn die DGSP eine Zukunft haben will, dann wäre es angeraten, Perspektiven zu entwickeln. Aber das ist eine andere Geschichte …« So endet CRW seine Betrachtungen (S. 349). Die gegenwärtig laufende DGSP-Diskussion zur Begriffsbestimmung von Sozialpsychiatrie weist in die richtige Richtung.

CRW schließt jedes Kapitel mit einem inhaltlich passenden Hinweis auf einen Song des jeweiligen Jahrzehnts. – Sollten dereinst die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts in den Rückblick genommen werden, dann schlage ich vor: »Das ist alles von der Kunstfreiheit
gedeckt« von Danger Dan.

Martin Osinski in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 25.01.2022