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Psychiatrie Verlag

Der Fall Mollath – Vom Versagen der Justiz und Psychiatrie

Der Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate hat ein Buch über den Fall seines Mandanten Gustl Mollath veröffentlicht, in dessen Wiederaufnahmeverfahren er einer der Verteidiger war.

Die Öffentlichkeit aufgeschreckt

Der "Fall Mollath" hat die Öffentlichkeit in Deutschland aufgeschreckt. Das Vertrauen in den Rechtsstaat und in die forensische Psychiatrie wurde in der jüngsten Vergangenheit unter anderem auch durch das Fehlurteil in dieser Angelegenheit in Mitleidenschaft gezogen. Das Wiederaufnahmeverfahren kann als eines der am besten und detailliertesten öffentlich dokumentierten und diskutierten Strafverfahren in Deutschland betrachtet werden.

Dies ist zu einem großen Teil der Verteidigung Mollaths zu verdanken, die gemeinsam mit anderen Unterstützern Schriftsätze, Verhandlungsmitschriften und weitere Dokumente veröffentlicht hat. In seinem Buch schildert der Verteidiger den Fall nun aus seiner Perspektive. Nach der breiten öffentlichen Debatte stellt sich die Frage, ob dieses Buch überhaupt noch Neues beinhaltet.

Viele interessante, aber auch diskussionswürdige Ansichten

Inhaltlich dürfte das meiste bekannt sein; Strates Ausführungen bieten jedoch viele weitere interessante, aber auch diskussionswürdige Ansichten. Mit der forensischen Psychiatrie geht er scharf ins Gericht, die gesamte Fachrichtung wird von ihm verurteilt.

Besonders mit psychiatrischen Gutachtern rechnet Strate pauschal und umfassend ab. Er beschreibt die Psychiatrie als System, das alles von der Norm Abweichende generell entrechtet und entwürdigt. In einer Art Generalabrechnung bringt Strate seine persönliche Auffassung und Haltung deutlich zum Ausdruck. Rein sachlich betrachtet ist seine Einschätzung in Teilen fragwürdig und in dieser Vehemenz sicherlich nicht haltbar. Zugleich bietet seine Abrechnung aber auch Grundlage und Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit der (forensischen) Psychiatrie.

Fehler und Versäumnisse

Seine Kritik an der Justiz fällt hingegen vergleichsweise moderat aus, hier rückt Strate Fehler und Versäumnisse einzelner Beteiligter in den Fokus. Grundsätzliche Kritikpunkte, Schwächen und Reformbedarfe im Verfahren und Vollzug der freiheitsentziehenden Maßregel nach § 63 Strafgesetzbuch (StGB) sowie der Feststellung der Schuldunfähigkeit/verminderten Schuldfähigkeit werden nicht benannt oder evaluiert.

Unabhängig von der Person Mollaths, den Vorwürfen gegen ihn und den tatsächlichen Ereignissen: Strate belegt in seinem Buch eindrücklich, dass die Vorgänge in diesem Fall so nicht hätten geschehen dürfen, dass man dem Betroffenen nicht das hätte antun dürfen, was ihm widerfahren ist. Trotz, oder vielleicht gerade wegen Strates plakativ-genereller, verallgemeinernder und unversöhnlicher Kritik an der forensischen Psychiatrie und den psychiatrischen Begutachtungen und Gutachtern wird deutlich, dass dieser Bereich der Psychiatrie kritisch auf den Prüfstand gestellt werden muss; dass er sich um Transparenz bemühen muss, auch um seine durchaus vorhandenen positiven Aspekte darzustellen.

Mahnendes Beispiel

Dies muss insbesondere durch diejenigen erfolgen, die in diesem Fachbereich professionell tätig sind und die ihn gesellschaftlich repräsentieren. Die oft fragwürdige Praxis des Befolgens gutachterlicher Expertisen und Stellungnahmen seitens der Justiz wird anhand Strates Buches einmal mehr deutlich. Eindrücklich werden das mögliche Zusammenspiel und die hiermit verbundenen methodischen Verkettungen von Strafjustiz und Psychiatrie dargestellt.

Der Fall Mollath ist ein mahnendes Beispiel für systematisches Versagen einer Justiz, die sich scheinbar blind auf Gutachten verlassen hat. Nicht zuletzt an seinem Beispiel wird deutlich, dass die psychiatrische Maßregel nach § 63 StGB einer Reform bedarf, die einen zeitgemäßen und unter Einbezug aktueller Erkenntnisse der beteiligten Fachdisziplinen gestalteten Rahmen für Verfahren und Vollzug bietet. Trotz der aufgeführten Kritikpunkte ist das Buch absolut lesenswert. Denn es lädt den Leser mit interessanten, teils provokanten und polarisierenden Sichtweisen und Ausführungen zur kritischen Auseinandersetzung mit der Thematik ein.

Andrea Trost in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 28.03.2017