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Psychiatrie Verlag

Molly und das große Nichts

Bei »Molly und das große Nichts« aus dem Balance-Verlag handelt es sich um ein Buch für Kinder ab acht Jahren. Thema des Buches sind Depression und Suizidalität, oder besser gesagt: »Über Depression und Suizidalität sprechen«. Und genau das ist den beiden Autorinnen Anna Sophia Backhaus und Rosa Linke auch gelungen – sie laden dazu ein und schaffen einen Anlass, um »darüber zu sprechen«.

Das Buch arbeitet viel mit Bildern, die Texte sind eher ergänzend, wenn auch wohlgewählt und formuliert. Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Mädchen Molly. Es erzählt uns von seiner Familie und Kindheit, seinen Hobbys und seiner ersten großen Liebe. Und Molly erzählt den Lesern davon, wie ihr Leben eines Tages anfing zu verblassen: »Am Anfang waren es nur Dinge. Der blaue Himmel wurde grau. Der Duft nach frisch gemähtem Gras ging verloren. Omas Bratkartoffeln schmeckten nicht mehr. Und Schaukeln machte auch keinen Spaß.«

Das »Nichts«, wie Molly es nennt, wird immer größer, umfasst schließlich alle Menschen um sie herum, alle Gefühle, Erinnerungen: »Bald fühlte ich gar nichts mehr. Keine Freude. Keinen Schmerz. Alles war egal. Selbst die Erinnerungen an die Gefühle hatte ich verloren.«

Was dann folgt, ist ein wohlüberlegt dargestellter Suizidversuch von Molly. Diese Schwere aufzulösen, das »Danach« einzufangen, gelingt den beiden Autorinnen außerordentlich gut. Molly ist nun in einer Klinik, die nicht als Psychiatrie dargestellt, sondern als Krankenhaus erzählt wird, in dem alle Krankheiten gleich behandelt werden. Gerade diese Normalität, die klare Aussage, dass Krankheiten ganz unterschiedlich sein können, nimmt der Depression einiges an Schrecken. »Da lagen wir nun. Der einen fehlten die Mandeln. Der anderen fehlte der Blinddarm. Mir fehlte mein Leben.«

Molly erzählt weiter, wie sie mit der Hilfe eines Kinderpsychologen nach und nach lernt, was mit ihr passiert, und wie sie mit dem, was in ihr ist, umgehen kann. Die Autorinnen beschreiben keine plötzliche Heilung, keinen Sprung zum Davor, sondern stellen einen Prozess dar: »Es dauerte Wochen, bis die Dinge ihre Farben zurückbekamen. Ich fing an, all die schönen Sachen, dir mir am Tag passierten, aufzuschreiben, und waren sie noch so klitzeklein.«

Die Schwere einer solchen Krise wird nicht kleingeredet, die Neuentdeckung des Lebens nicht abgekürzt. Ebenso wenig wird verschwiegen, dass ein solches Erlebnis die gesamte Familie betrifft und sich die Betroffenen ganz neu kennenlernen müssen. Auch wenn es Molly am Ende des Buches wieder besser geht und die Farben zurückgekehrt sind, bleibt das Wissen, dass sie nun für immer anders ist, sie viel gelernt hat, stärker ist. Es ist ein Ende, das Hoffnung gibt und Mut macht.

Den Abschluss des Buches bildet ein Informationsteil für die Zielgruppe. Kurz und verständlich wird das Thema Depression erklärt, und es werden zahlreiche Webseiten und Telefonnummern vorgestellt, die Hilfe oder weiterführende Informationen bieten. Auch ein sehr schöner und hilfreicher Abschnitt für angehörige Kinder ist dabei, der behutsam Ratschläge gibt, ohne zu überfordern.

Schlägt man als Erwachsener dieses Buch auf, so mögen einem zunächst klare Antworten und Erklärungen fehlen. Genau darin aber liegt die Stärke des Buches. Es öffnet die Tür zu einem äußerst sensiblen Thema, lässt dahinter aber genug Freiraum, um die jungen Leser – und ihre Eltern, Betreuer oder Therapeuten – genau dort abzuholen, wo sie sich befinden. Jedes Kind ist anders, unterschiedlich weit bei Dingen wie Gefühlen, Umgang mit dem Tod. »Molly und das große Nichts« schafft es, das Thema klar zu benennen, ohne zu viele Vorgaben zu machen.

Es ist wichtig, dass die Kinder bei der Lektüre begleitet werden, sie die Möglichkeit haben, ihre Gedanken zu teilen, ihre Fragen zu stellen, ihre aufkommenden Gefühle zu verstehen. Jedes Kind wird die Worte und Farben anders deuten, manche nicht viel Unterstützung brauchen, andere dagegen mehr, wenn es z.B. darum geht, über einen realen Fall im eigenen Umfeld zu sprechen.

Es ist wunderbar zu sehen, dass es immer mehr Kinderbücher zu psychologischen Themen gibt. Dass Autoren sich auch den »schweren« Geschichten zuwenden. Und dass es – wie im Fall des vorliegenden Buches – gelingen kann, auch Depression und Suizidalität altersgerecht darzustellen. Eine klare Empfehlung für psychiatrische Einrichtungen, Beratungsstellen, aber auch Schulen und Familien.

Dominique de Marné in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 24.04.2019