Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Nele im Nebel

Nele ist erst dreizehn, aber die guten Jahre ihrer Jugend sind erst mal vorbei. Ihr Vater ist schon länger weg. Ihre Mutter wurde erst immer komischer, dann war auch sie auf einmal verschwunden. Das Jugendamt bringt Nele und ihre kleine Schwester Kiki in einer Wohngruppe unter. Als Nele eine schwere Lungenentzündung durchmacht und auch ihre Asthmaanfälle immer schlimmer werden, beschließen die Erwachsenen, dass sie sich bei ihrem Onkel auskurieren soll. Der lebt mit Frau und vielen Tieren auf einer Nordseeinsel.

Schwer in Ordnung

Widerstrebend kommt Nele mit der Fähre an, mit allen Vorbehalten, die eine Dreizehnjährige gegen eine kleine Insel im Winter haben kann. Onkel Leo und Tante Friedel erweisen sich als schwer in Ordnung. Sie übergehen Neles pubertäre Sprödigkeit und merken schnell, dass sie viel mehr als nur frische Luft braucht. Leo hat seine eigene verkorkste Geschichte mit der Familie, mit seiner psychisch kranken Schwester. In Gesprächen ergänzen sich die Puzzlestücke der Erinnerungen, manche Bewertung muss relativiert und aufgegeben werden. Schließlich wird sich Leo auf die Suche nach seiner Schwester machen.

Ortrud Beckmann ist Kinder- und Jugendlichentherapeutin. Bei der Hamburger Pfiff gGmbH arbeitet sie als Patenschaftsbeauftragte für Kinder von psychisch erkrankten Eltern. "Nele im Nebel" ist ihr erstes Buch; ich hoffe, es wird nicht das letzte sein.

Einfühlsames Porträt

Auf 155 Seiten ist Ortrud Beckmann ein einfühlsames Porträt dieses Mädchens gelungen, das für viele tausend andere steht mit seinen Ängsten, Schuldgefühlen, Albträumen und psychosenahen Sinnestäuschungen. Jüngere Leserinnen und Leser werden mit einer sympathischen Story abgeholt, die Nele zwischen SMS und Facebook, Katzen und Pferden und mit dem vermutlich nettesten Jungen der Insel zeigt. Als Profi schätze ich, wie elegant und unaufdringlich Ortrud Beckmann Ressourcen und Risiken einer solchen Jugend würdigt. Ihre Haltung und Erfahrung in dem Fachgebiet werden durch Tante Friedel und Onkel Leo transportiert.

Das Buch soll und kann Mut machen, nicht nur durch das Fast-Happyend, sondern auch durch die Wahl der Symbole. Es ist gut, dass Nele "nur" Asthma hat. Die Geschichte (und der Leser) muss nicht mit dem gesamten Spektrum möglicher Traumatisierungsfolgen belastet werden. Fazit: rundum empfehlenswert. Wer "Nele im Nebel" bei Mabuse bestellt, sollte gleich zwei oder drei Exemplare nehmen und gezielt-ungezielt in Umlauf bringen.

Martin Osinski in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 17.03.2017