Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Autismus-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, deren Krankheitshäufigkeit sich in den letzten 30 Jahren um das Zehnfache multipliziert hat. Trotz umfangreicher Forschungsanstrengungen gibt es derzeit keine allgemein anerkannte Erklärung der Ursachen autistischer Störungen. Diagnostisch wurde bislang lediglich zwischen verschiedenen Autismus-Formen unterschieden: dem frühkindlichen Autismus oder Kanner-Syndrom, dem Asperger-Syndrom und dem atypischen Autismus.

Wenn die neue ICD-11 im nächsten Jahr in Kraft tritt, die 11. Revision der internationalen Diagnoseklassifikation der WHO, sollen diese Subtypen diagnostisch zugunsten der allgemeinen Autismus-Spektrum-Störung (ASS) abgeschafft sein. Diese geplante Änderung ist der zunehmenden Erkenntnis in der Wissenschaft geschuldet, dass eine klare Abgrenzung von Subtypen (noch) nicht möglich ist – und man stattdessen von einem stufenlosen Übergang zwischen milden und stärkeren Autismus-Formen ausgehen sollte.

Schwieriges Terrain

Dieses schwierige Terrain betreten nun der Psychiater Andreas Riedel und der Erziehungswissenschaftler Jens Clausen mit ihrem neuen Basisbuch des Psychiatrie Verlages, das in neun Teile gegliedert ist. Optisch ist es im bewährten DIN-A5-Format, hat auf der Innenseite des Covers 13 Merksätze mit Seitenangaben, die wichtige Passagen zusammenfassen. Entscheidende Stichworte sind durch Fettdruck im Fließtext hervorgehoben, zahlreiche Beispiele heben sich dadurch ab, dass sie eingerückt sind. Viele Abschnitte enden mit einem zusammenfassenden Merksatz.

Inhaltlich geht es unter Berücksichtigung aktueller Forschungsergebnisse um Verständnis und Vermittlung der »neurotypischen« und der »autistischen« Sicht- und Lebensweisen. Das heißt, dass von den Autoren die vorherrschenden Konzepte von Krankheit, Störung und Behinderung praxisbezogen kritisch betrachtet und in einen Zusammenhang mit den Lebenswelten von Autisten sowie ihren Schwierigkeiten und Ressourcen gebracht werden. Die ASS-Experten Riedel und Clausen helfen nicht nur psychiatrisch, psychotherapeutisch und psychosozial Tätigen, erwachsene Menschen mit ASS richtig einzuschätzen und in der Begegnung besser zu verstehen, sie lassen auch Betroffene zu Wort kommen, was ein wichtiges Verdienst des Buches ist.

Diese Berücksichtigung der Perspektive der Betroffenen – die Autismus und Asperger nicht als etwas von ihnen Getrenntes, sondern als integralen Bestandteil ihrer Persönlichkeit ansehen (und sich seit über zehn Jahren stolz »Auties« oder »Aspies« nennen, zum Teil organisiert sind und seit 2005 den »Autistic Pride Day« mit dem Schlagwort der Neurodiversität feiern) – scheint Riedel und Clausen mit so viel Fingerspitzengefühl gelungen, dass im Internet bereits einige Betroffene Lobeshymnen auf das Profibuch angestimmt haben.

Appetitanreger

Hier als sogenannter Appetitanreger ein paar der vielen Themen, die in diesen 150 Seiten behandelt werden: die historische Entwicklung von Autismus, autistische Züge, ihre Charakteristika, Literaturhinweise zu ASS-Betroffenen, Komorbiditäten wie Zwangs- oder Angsterkrankungen, ADHS oder Tic-Störungen bei ASS, Störung der Sprachpragmatik, Psychopharmaka nur bei Zusatzsymptomatiken, Reaktionsmuster wie Langeweile und Befremden in der Therapie, der Teilhabe-Aspekt in der Arbeitswelt, kulturelle Teilhabe, das gegenwärtige deutsche Sozialhilfegesetz, Eingliederungshilfe, das persönliche Budget, Jobcoaching, Arbeitsassistenz, Reizfilterschwäche, Fallstricke in der Therapie (»Das konkrete Erfragen dessen, was genau als hilfreich empfunden wird, kann zu sehr überraschenden Ergebnissen führen und sehr erhellend sein.

Wichtig ist, nicht nur mit den eigenen Maßstäben zu beurteilen, wann ein Kontakt oder Gespräch sinnvoll ist, sondern sich auch diesbezüglich auf die Sichtweise des autistischen Gegenübers einzulassen«, S. 107), Störungen in der Kommunikation (»Lieber einmal mehr nachfragen, als davon auszugehen, dass der Patient das, was wichtig ist, schon erzählen wird«, S. 51), chronifizierte gegenseitige Vorwürfe in der Therapie, der lange Atem der Geduld.

Sympathien für besondere Menschen

Dass es möglich ist, die Autismus-Spektrum-Störung erfolgreich in ein Nachschlagewerk von 150 Seiten unterzubringen, und dies auch noch so, dass man ASS endlich begreifen kann und Sympathien hegt für diese besonderen Menschen, freut die Rezensentin sehr.

Die Autoren schließen mit beeindruckenden Gedanken zur Bedeutung der Suche nach einer »autistischen Identität« als einer biografischen Bewegung zwischen Anpassung, Kompensation und Selbstbehauptung. ASS hat also erfreulicherweise das Zeug zu einem »autonomen Selbst, […] das situativ wählen kann, wie viel Anpassungsleistung es jeweils erbringen will«. Dass dem so ist, daran haben die beiden ASS-Experten unbedingt ihren Anteil.

Brigitte Siebrasse in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 11.12.2017