Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Normal, verrückt, gestört – Über die Besonderheiten psychiatrischer Diagnosen

Ein Lexikon der Diagnosen vom Standpunkt eines psychiatrischen Ethnologen. Peter Schneider fragt: »Werden immer mehr gesellschaftliche Phänomene pathologisiert?« (S. 5). Er stellt die verschiedenen Auflagen des DSM, das Diagnosemanual, vor, gibt damit einen Überblick über die Entwicklung der bestimmenden Diagnostik. Diagnosen verursachen verschiedene Reaktionen. Die einen fühlen sich entlastet, die anderen stigmatisiert. Einige Diagnosen treten regional spezifisch auf. An einem Ort gilt etwas als Wahn, andernorts als spirituelle Erfahrung.

Die Diagnosen werden vom Autor auch historisch betrachtet. Einschneidende Diagnosen: Kraepelins Dementia praecox als Verfallskrankheit. Bei Bleuler dagegen hat der Wahn des Schizophrenen einen Sinn. In den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts gewann die Lobotomie als chirurgische Behandlung der Schizophrenie an Bedeutung, in den 50er-Jahren die medikamentöse Behandlung. »Neuroleptika verwandelten die Schizophrenen in gefühlsarme, antriebsgehemmte und motorisch schwer beeinträchtigte Menschen« (S. 28). Für Schneider ist es wenig sinnvoll, die Schizophrenie auf soziale, biologische oder psychische Grundlagen zu reduzieren. Er stellt die Psychosomatik vor und gesellschaftliche Ursachen von Erkrankungen sowie den Zusammenhang zwischen Depression und Pharmalobbyismus. Moral und Psychiatrie werden ins Verhältnis gesetzt.

Schneider setzt sich auch mit der Frage auseinander, ob ADHS eine Krankheit ist. Dient Ritalin nur zur Ruhigstellung unruhiger Kinder? Es gibt Autoren, die ADHS als Gesellschaftssymptom, als Symptom einer überreizten Gesellschaft sehen.

Schneider setzt sich auch mit Differenzialdiagnosen auseinander. Wie unterscheide ich angemessene Trauer von einer Depression? Wie Burnout und Depression? Er problematisiert Medikamente, die Probleme lösen und gleichzeitig neue (Nebenwirkungen) schaffen. Er plädiert für Ganzheitlichkeit in der Medizin. Für eine Abkehr von einer monokausalen Krankheitsverursachung, für einen Blick auf die Ressourcen: »Gretas Autismus trübt nicht ihre Wahrnehmung, sondern schärft sie« (S. 158).

Der Autor wünscht sich »ein entspanntes Nebeneinander verschiedener psychischer Lebensformen« (S. 175).

Ein gut zu lesender Überblick über Diagnosen, der sie mit Ort und Zeit verbindet und ihre Bedeutung so auch auf sympathische Weise relativiert.

Jürgen Blume in Psychsoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 28.03.2022