Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Borderline begegnen – Miteinander umgehen lernen.

„Borderline bedeutet für die Betroffenen Stress rund um die Uhr, denn die Störung verläuft nicht in Phasen, die von beschwerdefreien Zeiten abzugrenzen sind“ (S. 19). Immer mehr Menschen leider unter einer seelischen Störung, die als Borderline-Syndrom bekannt ist. Oft zeigen sich erste Symptome schon im Jugendalter. Stimmungsschwankungen, Impulsivität, Selbstverletzungen, extremer Substanzmissbrauch und Verlassenheitsängste können erste Anzeichen für diese Erkrankung sein.

Borderline ist anstrengend

Borderline ist anstrengend, nicht nur für die Betroffenen selber, sondern auch für die professionell Helfenden. Durch gemeinsame Lernprozesse können Borderline-Erkrankte und psychiatrisch Tätige einen Zugang zueinander finden und voneinander lernen. Dieses Buch möchte dabei helfen.

Es lebt von den Praxiserfahrungen des erfahrenen Autorenteams und verfolgt das Ziel, eine Verbindung zwischen Fachwissen und einem verstehenden Zugang zum subjektiven Erleben der Betroffenen herzustellen. Neben einer sehr anschaulichen Schreibweise mit vielen Beispielen und Erfahrungsberichten zeichnet das Buch eine entstigmatisierende und ressourcenorientierte Zugangsweise aus. Jeder Abschnitt endet mit hilfreichen Anregungen zur Reflexion, die zum Nachdenken über die eigene Haltung und Einstellung ermutigen.

Die einzelnen Kapitel

Nach einer ausführlichen Einleitung in Form von Erfahrungsberichten folgt ein Kapitel über fachliche Hintergründe zum Thema Borderline. Hier wird nach einer anfänglichen Begriffsklärung auf mögliche Ursachen der Störung eingegangen. Dabei wird besonders die Bedeutung von Traumata, einem invalidierenden Umfeld sowie der Peergroup herausgestellt. Es folgt die Darstellung der Klassifikationssysteme DSM-IV/DSM-V sowie der ICD-10 unter kritischer Diskussion des Diagnosebegriffs.

Anschließend werden Symptome der Borderline-Störung sowie mögliche Komorbiditäten beschrieben. Hierbei werden, um die Defizitorientierung von Diagnosesystemen zu überwinden, die besonderen Fähigkeiten von Borderline-Erkrankten benannt. Weiter geht es mit dem Abschnitt „Hilfen für Betroffene“, in dem zentrale Therapieansätze und das Trainingsprogramm STEPPS dargestellt werden und auch auf Selbsthilfemöglichkeiten eingegangen wird.

Es schließt sich die Vorstellung des Eisbergmodells an, das zum besseren Verständnis der Denk-, Erlebens- und Verhaltensweisen der Betroffenen beiträgt und als Grundlage, um miteinander ins Gespräch zu kommen, genutzt werden kann. Es folgt das Kapitel „An denen kommst Du nicht vorbei“, welches die Vorurteile bzw. Ängste gegenüber Betroffenen ausräumen möchte. Verdeutlicht wird, dass ganz gewöhnliche Eigenschaften und Gefühle bei einer Borderline-Störung einfach viel intensiver erlebt werden.

Suche nach der eigenen Identität

Im nächsten Schritt wird ein Interview mit einem jungen Mann wiedergegeben, das die Suche nach der eigenen Identität von Betroffenen spürbar macht. Den Hintergründen hierfür wird in dem Kapitel „Das Persönlichkeitskaleidoskop“ nachgegangen. Dabei wird ausführlich aufgezeigt, wie professionell Helfende Betroffenen bei der Identitätsbildung unterstützend zur Seite stehen können. In einer sehr

gelungenen Art folgt die Darstellung der Erlebens- und Verhaltensweisen von Borderline-Erkrankten. Es werden viele Fallbeispiele angeführt und nützliche Tipps für psychiatrisch Tätige gegeben. Das Autorenteam beschränkt sich dabei nicht nur auf die Beschreibung der sichtbaren Verhaltensweisen bzw. der Symptome, sondern macht immer wieder darauf aufmerksam, wie wichtig es für das Verstehen der Erkrankung ist, die dahinter liegenden Motive zu erschließen. Sehr ausführlich wird dabei auf selbstverletzendes Verhalten, Suizidalität, Wechselbäder der Gefühle, Nähe und Distanz sowie auf das Aufzeigen von Grenzen eingegangen.

Selbstfürsorge

Das anschließende Kapitel befasst sich mit der Selbstfürsorge für Helfende. Neben vielfältigen praktischen Übungen auf physischer, emotionaler, kognitiver und spiritueller Ebene werden auch immer wieder Anregungen zur Reflexion gegeben. Das Werk endet mit sehr hilfreichen Literatur-, Film- und Linktipps.

Dieses Buch richtet sich nicht nur an ein Fachpublikum, sondern es ist für jeden ein Gewinn, der sich mit dem Thema Borderline intensiver auseinandersetzen und die Störung verstehen möchte. Aufgrund der sehr anschaulichen, gut nachvollziehbaren Schreibweise, den vielen Erfahrungsberichten und zahlreichen Tipps für die Praxis lässt sich das Buch wunderbar lesen. Kennzeichnend für das Autorenteam ist, dass es über die beschreibende und sichtbare Ebene hinaus immer wieder die Beweggründe und Motive für Verhaltensweisen von Betroffenen ans Licht bringt. So trifft der Titel des Buches „Borderline begegnen – Miteinander umgehen lernen“ sein Anliegen einfach in sehr gelungener und treffender Weise!

Sabrina Hancken in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 28.03.2017