Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Psychosen – Ringen um Selbstverständlichkeit

Gefreut habe ich mich über den Titel des Buches "Ringen um Selbstverständlichkeit", da er mehr versprach, als normalerweise Psychiatrie-Bücher zu beinhalten versprechen. Beim Aufschlagen wunderte ich mich über sieben Seiten Inhaltsangabe. Teils sind Kapitel auf einer oder einer knappen Seite abgehandelt, nur wenige Kapitel haben mehrere Seiten. Nach jeder größeren Überschrift folgt am Ende jedes Kapitels ein Fazit.

Gut und schön ist auch das rote Bändchen als Lesezeichen – denn die 336 Seiten sind inhaltlich nicht ohne Pause lesbar. Ich gehöre zu den behäbigeren Lesern und brauchte zwei Monate, in denen ich mich immer wieder auf Reisen und Denkpausen führen ließ. Mit Lust las ich die Aussagen der Ordinarien und die fast 30 Seiten Literaturquellen, die übrigens bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen.

Beeindruckende Texte

Dieses Buch ist erfreulicherweise kein Schnellschuss der Autoren, es ist gut recherchiert, jedoch fehlen leider die Literaturangaben von Psychiatrieerfahrenen, die in den letzten 20 Jahren von subjektiven Empfindungen des Sozialraums berichteten, die objektiv später bestätigt wurden. Lediglich zwei Psychiatrieerfahrene, Gwen Schulz und Dorothea Buck, sind zu Wort gekommen. Gwen Schulz hat die beeindruckenden Texte "Auf der Suche nach dem Sinn meiner Psychose" und "Zur Bedeutung der Peerarbeit" geschrieben. Dorothea Buck glänzt mit zehn Thesen "Zum subjektiven Verständnis von Psychosen". Beide Frauen lassen das Herz des Psychiatrieerfahrenen intensiver schlagen und jubeln.

Sinn der menschlichen Psychiatrie

Der Sinn der menschlichen Psychiatrie ist in den Schlussbemerkungen mit 19 Leitsätzen zusammengefasst. Diese Leitsätze gehen von "Den ganzen Menschen sehen" über "Toleranz und Abbau von Vorurteilen" bis hin zu "Ringen um Selbstverständlichkeit".

Freuen können wir Psychiatrieerfahrene uns über die geringe Beachtung der Psychopharmaka und die große Beachtung des Sozialraums. Hier kommen die Autoren Ciompi (Soteria) und Aderhold ("Die akute Schizophrenie als Prozess der Selbstgestaltung") zu Wort. Hometreatment, Soteria, Milieutherapie, regionales Budget, gemeindenahe Versorgung, integrierte Versorgung usw. werden ausführlich als "nötige Strukturveränderung im psychiatrischen System" gesehen.

Fazit: Die kleinschrittige Hinführung auf den Ausblick "Dilemmata der Psychosenbehandlung und ihre Potenziale" ist sehr positiv für das Buch. Der Preis von 49,95 Euro (E-Book 39,99 Euro) und die vielen nicht üblichen Fachbegriffe schrecken viele Psychiatrieerfahrene ab – trotzdem kann ich es allen Psychiatrieerfahrenen, Angehörigen und Professionellen des psychiatrischen Systems nur empfehlen!

Franz-Josef Wagner in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 28.03.2017