Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Psychosen

»So verrückt sind die Wahngedanken gar nicht.« Das ist das Zitat einer Frau mit eigener Psychoseerfahrung aus dem neuen Buch von Tania Lincoln. Gemeinsam mit Eva Heibach legt sie mit Psychosen die Messlatte für unsere Diskussion über Psychosentherapie hoch. Achtung! Liebe Kolleginnen und Kollegen, hier ist auf 92 Seiten ein Standard formuliert, den wir nicht mehr ignorieren dürfen. Die psychotherapeutische Praktikerin Eva Heibach beleuchtet die wissenschaftlichen Ausführungen Tania Lincolns stets mit präzisen Fallvignetten und Beispielgesprächen. Diagnostik, Therapie und Reflexion kommen so fast spielerisch einfach daher.

Das tut gut und ist im Sinne von Recovery hoffnungsfördernd. Neue Hoffnung bildet sich für Betroffene, Angehörige und Profis. Die fundierte Schrift wendet sich ermutigend vorrangig an ambulante Therapeut*innen. Sie gibt jedoch auch stationär Tätigen klare Anweisungen zur psychotherapeutischen Arbeit mit Betroffenen. Die Autorinnen vermeiden zwar Polarisierungen, wie etwa eine pro-con-Debatte über Neuroleptika, dennoch benennen sie die Wunden der bisherigen Behandlungspraxis:

  • In Entwicklungsländern verlaufen Psychosen günstiger als in Industrieländern. Die Datenlage für den langfristigen Nutzen einer Dauermedikation bei Psychosen ist schwach.
  • Psychotherapie, insbesondere KVT, wie sie hier propagiert wird, ist hinsichtlich ihrer Wirksamkeit gut wissenschaftlich belegt. Psychotherapie ist uneingeschränkt indiziert bei Psychosen.
  • Menschen mit Psychosen sterben viele Jahre früher als andere. Dies liegt sehr wahrscheinlich zu großen Teilen an der Dauermedikation.
  • Es gibt weiterhin keine belastbare biologische Hypothese zur Erklärung und auch keine eindeutige Genetik der Psychosen.
  • Cannabis ist nicht induzierend für Psychosen, jedenfalls nicht im Sinne von neu auslösend. So gibt es trotz vermehrten Cannabiskonsums in den Industrienationen keine erhöhten Psychoseraten.
  • Soziale Faktoren spielen in der Auslösung und Aufrechterhaltung von Psychosen eine große Rolle. Die Forschung kann Diskriminierung, Mobbing, Gewalt, Migration, Urbanität als Risikofaktoren klar herausarbeiten.
  • Die Raten an Komorbidität, insbesondere mit Depressionen, Substanzmissbrauch, posttraumatischer Belastungsstörung, Zwängen, sind sehr hoch.

Die Autorinnen ermutigen ausdrücklich zur emotionsaktivierenden Psychotherapie und stellen klar, dass diese nie als gefährlich für den Verlauf von Psychosen wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte.

In Anbetracht der Kürze der Schrift wundert es nicht, dass auch Aspekte, die aus praktischer psychiatrischer Sicht sehr wichtig sind, unterbeleuchtet bleiben. Dies betrifft die Rolle der Angehörigen, eine klare Ressourcenorientierung, einen Umgang mit dem Sinn der Symptome und mit den kreativen Aspekten von Psychosen. Dennoch ist dieses Buch die reinste Freude für alle, die mit psychotherapeutischen Mitteln Menschen mit Psychosen helfen wollen, durch das Leben zu kommen. Es liefert uns gebündeltes theoretisches und praktisches Wissen auf dem aktuellen Stand der Forschung.

Die Autorinnen untermauern mit ihrer Schrift eindrucksvoll den Anspruch der psychologischen Psychotherapie, auch bei sehr schwer psychisch kranken Menschen passende Hilfen bereitzustellen. Ärztliche Therapien oder ärztlich verordnete Maßnahmen zur sozialen Unterstützung sollten diese erfreuliche Entwicklung nicht verschlafen, indem in ihrem Bereich nur über Medikamentencompliance geredet wird. Die Psychotherapie der Psychosen gehört als integraler Bestandteil, als gemeinsame Überzeugung der Profis, als Teil der Grundhaltung in den gemeindepsychiatrischen Verbund.

Uwe Gonther in Sozialpsychiatrische Informationen

Letzte Aktualisierung: 14.08.2018