Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Psychodynamik der Schizophrenie

Ein dünnes Bändchen von gerade 158 Seiten für ein so schillerndes Thema? Aber schon die Einleitung lässt aufhorchen: Was ist Psychodynamik, die Rolle des Psychiaters, wie steht es um Beweise und Wahrheit und die gesellschaftliche Dimension? Matakas beschreibt, dass im biopsychosozialen Modell schizophrener Erkrankungen das »psycho« erheblich aufgewertet werden muss für den Zugang zum Patienten: »[…] die biologischen Strukturen, die der Schizophrenie zugrunde liegen, sind selbstverständlich, aber für das Verständnis der psychischen Prozesse unerheblich. Neben den abrufbaren Bewusstseinsinhalten muss auch das Unbewusste erforscht werden.« So gibt er eine Definition der Schizophrenie jenseits der Leitlinien.

Er nähert sich ihr über erstens die »kommunikative Bedeutung«, die ohne Kenntnis des sozialen Kontextes und der individuellen Lebensgeschichte des Patienten kaum verstehbar ist, zweitens über die »interaktive Bedeutung«, die häufig wegen ihrer anfänglichen Dramatik nur beantwortet, aber nicht verstanden wird, und drittens über »den Abwehrcharakter«, bei dem es gilt, abgewehrte Wünsche und Projektionen deutlich zu machen.

Zu den Symptomen im Einzelnen gehört für Matakas auch »der Wahn im Sozialen«, Begriffe wie Ich-Grenze und -funktionen werden mit eindrucksvollen Fallbeispielen ebenso erklärt wie die Persönlichkeitsentwicklung im sozialen Kontext.

Im Kapitel zur »Entstehung und Struktur der schizophrenen Psychose« kommt der Analytiker zu Wort und beantwortet die Frage, ob die Familie schuld ist an der Entstehung der Erkrankung. Endlich wird, wenn auch nur knapp, bei der Beschreibung der verschiedenen Formen der schizophrenen Störung erwähnt, dass es Unterschiede in der Remission gibt bei Menschen, die nur einmal in einer Extremsituation psychotisch geworden sind, gegenüber Menschen, die beispielsweise grundsätzlich mit Berufstätigkeit überfordert sind. Wie häufig wird das im klinischen und ambulanten Alltag erfragt bzw. differenziert behandelt? Es lohnt sich, dieses Buch aufmerksam wahrzunehmen.

Sehr ausführlich wird die Therapie abgehandelt, dabei u.a. die Fragen: Warum ist Psychotherapie wichtig und was soll sie bewirken? Zunächst geht es um den Versuch, den psychotischen Menschen zu verstehen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Auf welchen psychiatrischen Akutstationen aber wird dies regelhaft betrieben außer in Spezialeinrichtungen wie Soteria?

Der Autor bespricht, warum ein solcher Ansatz so selten verfolgt wird, wie eine psychiatrische Station in seinen Augen betrieben werden müsste, warum die Psychiatrie an dem Konzept festhält, Psychosen vorwiegend medikamentös zu behandeln (»Angst vor dem Wahnsinn«) und wo die Vorteile einer tagesklinischen Behandlung liegen. »Für die Indikationsstellung und die Beurteilung der Effekte sind pharmakologische Kriterien alleine nicht ausreichend. Es fehlt eine Psychologie der Psychopharmaka.« Ein interessanter Vorschlag.

Das mit kurzen Fallvignetten gespickte Büchlein macht sehr anschaulich, welche Erkenntnisse wir zu einem psychotischen Menschen nicht gewinnen und weshalb wir ihn damit unzulänglich behandeln, wenn wir nur Symptome zum Verschwinden bringen wollen. Viel interessanter, fesselnder und letztlich hilfreicher für die Patienten ist es, wenn wir uns der Herangehensweise von Matakas folgend mit den Zusammenhängen der Symptome und der Lebensgeschichte unseres Gegenübers auseinandersetzen.

Dieses Buch ist trotz des Preises jedem Menschen, der sich mit Schizophrenie beschäftigt (wie immer sie auch verstanden wird), dringend anempfohlen. Es ist ein Aufruf an uns Profis, auch bei schizophrenen Psychosen der Psychotherapie einen deutlich höheren Stellenwert beizumessen.

 

Wassili Hinüber in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 09.02.2021