Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Vom Anfang und Ende der Schizophrenie

Tebartz van Elst schätze ich als Autor und Referent zum Thema Autismus, oder korrekt ausgedrückt, zu den Autismus-Spektrum-Störungen, wie man inzwischen sagen muss. Deshalb war ich gespannt, als im Kohlhammer Verlag der o.a. Titel veröffentlicht wurde. Könnte ich mir als Sozialarbeiterin zutrauen, dieses Buch zu rezensieren?

Es geht los mit einem Abkürzungsverzeichnis und Glossar – acht Seiten. Die meisten Begriffe (z.B. »Polyspike Wave Komplex Pragmatik«) habe ich noch nie gehört. Ich bin abgeschreckt. Es folgt das Geleitwort von Heinz Häfner und Stephan Heckers. Letzterer meint zu diesem Buch: »Es ist geschrieben für alle, die sich für psychiatrische Fragen interessieren. Es ist zugänglich für Laien, bereitet aber auch genügend Neues für Kliniker und Wissenschaftler.« Ich fühle mich angesprochen, auch von dem nun folgenden Vorwort. Das, was er Patienten und Angehörigen immer erläutert, meint van Elst, wollte er aufschreiben. Nun, die Handreichung ist dicker geworden als geplant.

»Schizophrenie in der Lebenswirklichkeit« wird vorgestellt – hier sind wir durch Finzen bestens vorbereitet. Es folgt eine Beschreibung der Symptome anhand von Rastern und gesonderten Abschnitten, gut verständlich, übersichtlich und ausführlich. Quasi als Illustration sind weniger spektakuläre als ausgesprochen alltägliche Kasuistiken eingefügt, wie wir sie aus dem beruflichen Alltag kennen. Van Elst fügt Exkurse zu verschiedenen Begriffen ein: das »Ich« und das »Selbst«, Theory of Mind, kognitive Empathie usw.

Im dritten Kapitel folgt die Geschichte des Schizophrenie-Konzepts, mit einem Hinweis auf Szasz (!), der die Syphilis und ihre Bedeutung für die Psychiatrie beschrieben hat. Bei der Klassifikation übernimmt der Autor die Erkenntnisse von Leonhard. Was ist Normalität? Was ist Krankheit und Gesundheit? Was ist eine psychische Störung? Man könnte befürchten (oder hoffen), dass van Elst hier einen Überblick über die reichlich vorhandene Grundlagenliteratur gibt. Aber er formuliert, begründet und analysiert überwiegend selbst. »Psychotische Erfahrungen: Kategoriale Phänomene des grundsätzlichen Anders-Seins oder dimensionale Phänomene des Mehr-oder-Weniger-Extrem-Seins? Wie häufig sind Halluzinationen in der ›Normalbevölkerung‹?« (S. 116).

Darum geht es. Dies ist nur der Auftakt zu den entscheidenden Kapiteln, die ich versucht habe zu lesen, ohne sie wirklich zu verstehen. Doch ich habe die Schlussfolgerung verstanden. Der Autor sieht die Schizophrenie »als eine Restkategorie von Störungsbildern, bei denen die Ursache und Pathogenese noch nicht verstanden ist, prinzipiell aber in einem kausalen Sinne verstehbar sein wird«. Da ist es also, das Ende der Schizophrenie.

Die vielen Kasuistiken leuchten mir ein: Entzündliche Prozesse, paraepileptische Pathomechanismen oder genetisch bedingte Stoffwechselerkrankungen finden sich als Erklärung. (Ganz nebenbei: Die Netflix-Serie »Feuer im Kopf« handelt ja genau davon, siehe SP 162.)

Ich bin froh, dass ich nicht die Hypothesen des Psychiaters van Elst beurteilen muss, sondern nur das vorliegende Fachbuch. Den Bogen der möglichen Leser hat er weit gespannt – vielleicht überspannt. Doch es findet sich für alle etwas. Viele Kapitel sind für jeden Interessierten gut lesbar. Dem Ende zu wird es für uns Laien immer schwieriger – und für das neuropsychiatrische Fachpersonal sicher aufregender. Mich tröstet, dass Stephan Heckers am Ende seines Geleitworts meint: »Zweifel kommen dennoch auf. Zum einen ist der kausale Zusammenhang zwischen den biologischen Veränderungen und dem klinischen Bild nicht klar. Zum anderen zeigt die Mehrzahl der Patienten, die mit Schizophrenie diagnostiziert werden, keine dieser biologischen Veränderungen.«

Ilse Eichenbrenner in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 24.04.2019