Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Umgang mit traumatisierten Patienten

Bei dem Thema Trauma denken die meisten von uns an die vielen schrecklichen Verbrechen und Katastrophen, von denen wir täglich in den Medien erfahren. Diese Erlebnisse erscheinen uns weit entfernt von unserem Leben, was dies für die Betroffenen bedeutet, können wir uns oft nicht vorstellen.

Kein Randphänomen

Dabei zeigt die Kriminalstatistik, dass Traumatisierung kein Randphänomen, sondern Teil des Alltags vieler Menschen in Deutschland und Mitteleuropa ist. Zu den Traumatisierten gehören unter anderem Gewaltopfer und vernachlässigte und missbrauchte Kinder. Die Wahrscheinlichkeit, in seinem Leben ein traumatisches Erlebnis verarbeiten zu müssen, liegt bei über 50 Prozent. Für viele Menschen bleibt es nicht bei einem traumatischen Erlebnis, sie erfahren mehrere in ihrem Leben. Die Wahrscheinlichkeit, eine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, liegt etwa zwischen 2 und 7 Prozent, wobei das Risiko bei Frauen höher ist. Wenn das Phänomen Trauma so verbreitet ist, warum ist dann den meisten Menschen so wenig darüber bekannt?

Der Autor des Buches "Umgang mit traumatisierten Patienten", Jens Gräbener, Systemischer Familientherapeut und Leiter des Berliner Krisendienstes, kommt zu dem Schluss: "Das Thema ›Traumatisierung‹ lenkt zwangsläufig die Aufmerksamkeit auf Dinge, die für die meisten Menschen schwer zu ertragen sind." Mit seinem Buch möchte er das Thema "Traumatisierung" leicht verständlich und kompakt vermitteln. Es richtet sich sowohl an professionell Tätige, die in ihrem Arbeitskontext auf traumatisierte Patientinnen und Patienten treffen, als auch an Mitarbeiter, die außerhalb der Psychiatrie, wie etwa in Beratungsstellen oder in Krisendiensten, mit traumatisierten Menschen in Kontakt treten.

Ängste im Umgang mit Traumapatienten abbauen

Das Ziel des Buches ist es, Ängste im Umgang mit Traumapatienten abzubauen. Der Aufbau des Buches orientiert sich am zeitlichen Verlauf eines Traumas. Es werden zuerst mögliche Ursachen für ein Trauma vorgestellt, dann wird das Verhalten in und nach einer traumatischen Situation beschrieben. Der Autor geht differenziert auf das Störungsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung ein und zeigt, welche Veränderungen Patienten in Bezug auf ihre Sicht auf die Welt und die eigene Identität durchmachen. Das Buch setzt sich außerdem mit der Frage auseinander,

welche Risiko- und welche protektiven Faktoren die Bewältigung eines Traumas beeinflussen können. Danach richtet der Autor den Blick auf die professionelle Arbeit mit traumatisierten Patienten. Welche Therapieformen sind für eine Trauma-Behandlung möglich, welche sind hilfreich? Der Autor geht besonders auf die Beziehungsgestaltung zwischen dem professionell Tätigen und dem Trauma-Patienten ein. Auch mögliche Gefahren, wie die Chronifizierung eines Traumas oder eine erneute Traumatisierung, und wie sich diese vermeiden lassen, werden aufgezeigt. Nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern auch für Zeugen und Helfer besteht die Gefahr, traumatisiert zu werden. Berufsgruppen wie Polizisten, Feuerwehrleute und die Therapeuten tragen bei ihrer Arbeit eine hohe Belastung.

Was hilfreich ist

Ein verständnisvolles Team sowie eine kontinuierliche Supervision sind hier hilfreich. Oft fällt den Helfern aus Empathie mit dem Opfer die Wahrung professioneller Distanz schwer: "Die besten professionellen Strategien können aber nicht verhindern, dass traumatisierte Patienten professionelle Helfer mit ihrem Leid und ihrer Geschichte berühren. Das ist gut so: Berührbar zu sein und zu bleiben, ist eine wesentliche Ressource im Umgang mit traumatisierten Patienten." Durch die Arbeit mit traumatisierten Patienten wird der professionell Tätige auch mit seiner eigenen Verwundbarkeit konfrontiert, setzt sich womöglich mit eigenen traumatischen Erlebnissen auseinander.

Der Autor plädiert hier nicht nur für einen einfühlsamen Umgang mit den Patienten, sondern auch für einen aufmerksamen und sensiblen Blick des professionell Tätigen in seine eigene Gefühlswelt. Wer die eigene Berührbarkeit nicht fürchtet, wird die Arbeit mit traumatisierten Patienten bereichernd finden. Zusammengefasst vermittelt das Buch trotz seiner nur 140 Seiten ein umfangreiches und trotzdem differenziertes und tief greifendes Wissen über die Ursachen, Störungsbilder und Therapien von Traumata. Durch seine vielen Beispiele und kompakten Merksätze entsteht für den Leser ein praxisorientierter Leitfaden zum Umgang mit traumatisierten Patienten.

Lina Kamwar in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 29.03.2017