Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Der Zahlendieb - Mein Leben mit Zwangserkrankungen

Das vorliegende Buch eines Mannes, der es gelernt hat, mit einer Erkrankung einerseits, seiner sexuellen Orientierung andererseits selbstbewusst umzugehen, fasziniert den Leser in mehrerlei Hinsicht. Durch die Geschichte eines jungen Lebens, das geprägt ist vom frühen Verlust des Vaters und der gleichzeitig entdeckten Homosexualität, zieht sich der rote Faden der wiederkehrenden und existenziellen Frage nach der eigenen Identität. Diese bohrende Frage sucht sich nicht zuletzt ein Ventil in einer Erkrankung, in der Zweifeln das allerhöchste Gut ist.

Sechting eröffnet Zusammenhänge dort, wo man sie zunächst nicht vermuten würde. Was eine unterdrückte Homosexualität mit dem immerwährenden Drang nach Sicherheit zu tun hat, kann der Leser bereits früh erahnen. Wie sich so ein Leben anfühlen mag, ist dann doch eine ganz andere Sache. Auf den unendlichen Gedankenmustern eines Zwangserkrankten fußend, entwickelt Sechting das Bild seiner Persönlichkeit, die nach dem Durchbrechen der eigenen Grenzen lechzt. Sie ist eingebunden in das Korsett des Gefühlschaos’, dem sich der Autor mit Neugier und Mut zu stellen wagt. Eigens gesteckte Gehorsamkeit wird durch das zunehmend Oberhand gewinnende Selbstbewusstsein aufgebrochen, das Zaudern und Zögern in Schach hält – und schlussendlich siegt.

Am Ende steht die Freiheit, Männer zu lieben, neben der Freiheit, sich neu zu orientieren. Den Aufstand zu wagen, plötzlich anders zu sein als zuvor. Oliver Sechting eröffnet langsam, aber mit großer Liebe zum Detail seinen Weg in Richtung eines Mannes, der sich zu seiner Homosexualität und zu seiner Zwangserkrankung bekennt. Wie folgenreich solch eine Positionierung für Freunde und Umfeld nicht nur dieses Betroffenen ist, illustriert der Autor mit Witz und Charme. Sprachlich in einem für jeden gut lesbaren Stil der leichten Worte, aber des tiefgründigen Sinns, formt Sechting den Gipfel der Spannung im Eingeständnis zweier Offenbarungen gegenüber sich selbst – und seiner Umwelt.

Die pure Erleichterung fällt auch von mir ab, als ich schmökernd mitfiebere und am Ende froh bin über die Courage zum Bekenntnis der Homosexualität, aber auch zu dem des »Zwängelns«. Dem Autor ist es gelungen, Zwangsstörungen aus der Ecke des unverständlichen und den Betroffenen oft peinlichen Mysteriums zu holen und zu beweisen, dass es sich für sie genauso wenig zu schämen lohnt wie für das Schwulsein.

Dennis Riehle in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 16.04.2018