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Psychiatrie Verlag

Die Klingebiel-Zelle - Leben und künstlerisches Schaffen eines Psychiatriepatienten

Ob das Werk des Göttinger Julius Klingebiel mit dem des Berner Adolf Wölfli oder der Lausanner Aloise gleichrangig ist, mögen die Experten unter sich ausmachen.

Ein einziger Raum

Eines aber steht fest: Klingebiels im Wesentlichen aus einem einzigen Raum bestehendes Werk ist einzigartig und faszinierend. Es besteht aus seiner Zelle im "Festen Haus", dem Verwahrhaus der Göttinger psychiatrischen Anstalt, die er 1951 auszumalen begann. Dort verbrachte er nach Zwischenstationen in anderen niedersächsischen Einrichtungen ab 1940 die letzten 25 Jahre seines Lebens.

Der Hannoveraner Klingebiel, verheiratet, Schlosser bei der Wehrmacht, erkrankte unmittelbar nach Kriegsausbruch im Alter von 35 Jahren an einer Psychose. Er wurde bald danach zwangssterilisiert, entkam aber der nationalsozialistischen Mordmaschinerie und überlebte die Kriegszeit in der Göttinger Anstalt. Nach dem Krieg blieb er ohne Gerichtsanhörung bis 1963 eingeschlossen. Er starb 1965 in Göttingen.

Zelle als Kunstwerk

In zwölf Jahren hat er seine Zelle in ein Kunstwerk verwandelt. Es mutet wie ein Wunder an, dass man ihn gewähren ließ und dass die Zelle auch nach seinem Tode erhalten blieb. Offenbar war die kunsthistorische Bedeutung der Zelle den Verantwortlichen der Klinik schon früh bewusst. 1990 wurde eine fotografische Rekonstruktion des Raumes und der Malerei entwickelt, die später in das Museum des Klinikums übergeführt wurde. Die Original-Zelle wurde 2012 auf Betreiben des Fördervereins Sozialpsychiatrie Moringen e.V. als Kulturdenkmal nach dem niedersächsischen Denkmalschutzgesetz anerkannt und unter Schutz gestellt.

Allerdings wird es beträchtlichen Aufwandes bedürfen, um den gefährdeten Bestand der Wandmalerei langfristig zu sichern und zu erhalten. Diesem Ziel dient auch das von Andreas Spengler, Manfred Koller und Dirk Hesse herausgegebene Buch, das auf der Grundlage eines Forschungsprojektes entstand. Daraus ist ein faszinierendes, reich bebildertes Werk geworden, das aus Akten und Interviews mit Zeitzeugen sehr engagiert und liebevoll das Schaffen und Leben des psychosekranken Künstlers rekonstruiert.

Historische Einordnung

Es bleibt dabei nicht bei der Darstellung und der Interpretation seines Werkes stehen. Es nimmt eine zeithistorische Einordnung dieses Werkes im Kontext der Klinik auf dem Hintergrund der Verwahrungspsychiatrie und der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie vor. Den Herausgebern ist ein schönes, anregendes Buch gelungen, dass Klingebiels Werk öffentlich zugänglich. Die Zelle in Göttingen kann man nicht besuchen und nur wenige werden im letzten August die Installation gesehen haben, die für 14 Tage die Bilderwelt des einstigen Psychiatriepatienten Julius Klingebiel auch räumlich wieder auferstehen ließ. Mit diesem Buch hat man eine neue Chance, sich mit dem Werk Klingebiels vertraut zu machen.

Asmus Finzen in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 24.03.2017