Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Psychotherapie nach Flucht und Vertreibung

Vor mir liegt ein umfassendes Lehrbuch zum Arbeitsspektrum der Hilfen für Flüchtlinge. Angesprochen sind im Titel ausdrücklich alle beteiligten Berufsgruppen, wobei jedoch die Psychotherapie und die Probleme des Aufbaus einer therapeutischen Beziehung im Fokus stehen.

Das Buch ist in acht Abschnitte eingeteilt. Es beginnt mit Informationen zur politischen Situation in den Herkunftsländern, zu den rechtlichen Rahmenbedingungen des Asylverfahrens und zur medizinischen Versorgung (nicht neu). Im zweiten Kapitel werden körperliche und psychische Störungen beschrieben, gefolgt von Besonderheiten der psychotherapeutischen Arbeit (z.B. Zusammenarbeit mit Dolmetschern, interkulturelle Aspekte und Einfluss der deutschen Institutionen auf Psychotherapie mit Geflüchteten). Es folgt ein detaillierter Überblick zu Traumafolgestörungen und Therapiemöglichkeiten, die mit Fallbeispielen verdeutlicht werden. Diese Kapitel sind wohl für Psychologen und Ärzte gedacht, denen diese Themen inzwischen jedoch bekannt sein dürften (s. z.B. Feldmann & Seidler 2013; Schneck 2017; van der Kolk 2016).

Nach meinen Erfahrungen brauchen besonders Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter Wissen und Hilfen für ihre Basisarbeit. Wird aber ein Sozialarbeiter zu diesem Buch greifen, zumal er vergeblich nach dem Begriff »psychosozial« sucht? Er findet jedenfalls wertvolle Hinweise für seine Tätigkeit, wenn er »Psychotherapie« und »psychosoziale« Arbeit als Synonyme auffasst. So beschreibt Jan Kizilhan sehr konkret sein Konzept einer kultursensiblen Diagnostik und Behandlung, die auch für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter höchst relevant ist. Ebenso finden sie im Abschnitt »Geflüchtete Patient(innen) in der Krise – Möglichkeiten der psychotherapeutischen Unterstützung« von Eva van Keuk und Veronika Wolf ein umsetzbares Konzept für die Krisenintervention, das mit Fallvignetten verdeutlicht wird. Diese beiden Abschnitte hätten länger sein können im Vergleich zur Überausführlichkeit der psychiatrischen Diagnostik.

In Kapitel 5 von Esther Kleefeld, Anika Dienermann u.a. geht es um »Lebensabschnitte«. Hier werden die Problematiken von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen sowie Familien und die Weitergabe von Traumatisierung behandelt, außerdem das Verstehen von und Umgehen mit älteren Menschen. Beides wird durch Fallbeispiele illustriert, was das Kapitel für alle Berufsgruppen sehr informativ und praxisnah macht.

Erst in Teil 6 »Vernetzung und Zusammenarbeit« von Maria Würfel geht es auf knapp zehn Seiten explizit um den Beitrag der sozialen Arbeit in der Flüchtlingsarbeit. Kernaussage: »In der Praxis wird die professionelle Versorgung psychisch erkrankter Flüchtlinge aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit der Problemstellungen nicht allein durch Psychotherapie zu bewerkstelligen sein.« Dieser Satz bedeutet für mich die kritische Reflexion der Bedeutung von Psychotherapie, die allerdings ansonsten in diesen Kapiteln fehlt. In der Flüchtlingsarbeit geht es meiner Ansicht nach gerade um die Ausgestaltung dieser Aussage, die das Buch nicht leistet. Nur wenige Flüchtlinge fragen explizit nach Therapie, und viele wissen nicht, dass Traumafolgen behandelbar sind. Außerdem sind sie meist erst therapiemotiviert und -fähig, wenn die äußere Lebenssituation geregelt ist, die Asylanerkennung ausgesprochen wurde und Trauerprozesse zugelassen werden können. Zudem zahlen die Kassen Dolmetscherkosten bisher nicht.

Die Autorin führt aus, dass die soziale Arbeit die Aufgabe habe, frühzeitig Traumatisierungen zu erkennen, zur Stabilisierung beizutragen und die Interessen von Flüchtlingen sozialanwaltlich zu vertreten. Bei Vorliegen posttraumatischer Symptome könne man durch niedrigschwellig angesetzte Beratungsgespräche zu einer Therapie motivieren. Außerdem ließe sich mit traumaorientierten psychosozialen Angeboten (z.B. Psychoedukation zu den Auswirkungen eines Traumas, Aufbau von Tagesstruktur und Ressourcenarbeit) zu einer weitgehenden Stabilisierung und Symptomkontrolle beitragen. Meiner Meinung nach kann eine traumaorientierte Sozialarbeit in vielen Fällen eine Therapie überflüssig machen. So weit geht die Autorin leider nicht.

Den Schluss bilden die Themen Selbstfürsorge und Supervision für die Helferinnen und Helfer und ein diagnostischer Praxisleitfaden sowie ein Überblick über die bundesweiten Behandlungsangebote.

Die interprofessionelle Perspektive ist nicht ausgearbeitet. Die als notwendig erachtete Zusammenarbeit mit der Sozialarbeit bleibt proklamativ und ist nicht in das Behandlungsspektrum integriert. Die Kapitel sind dennoch sehr differenziert und fundiert geschrieben, was das Buch insgesamt zu einem empfehlenswerten Nachschlagewerk für einzelne Themen macht.

Manuela Ziskoven in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 09.04.2018