Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Irren ist menschlich

Kann es gelingen, eine Rezension über ein so irritierendes wie gewaltiges Buch zu schreiben? Lässt sich überhaupt ein (Lehr-)Buch über (die) Psychiatrie schreiben? Ist das (Ver-)Störende in Worte zu fassen? Ist dieses Werk ohne die Betrachtung seiner historischen Entwicklung möglich? Kann es knapp 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung und den nachfolgenden Wandlungen noch immer herausfordern? Ist eine Begegnung mit ihm möglich, ohne das Gefühl eigener Fassungslosigkeit und Erschütterung? Ist dieses Buch in seiner Form verstehbar?

Es ist verstehbar

Es ist verstehbar. Dabei hilft der einführende Text (Vorwort und Gebrauchsanweisung) mit Hinweisen zu seiner Nutzung. Bei ihm wird bereits deutlich, dass die Absicht der Autoren, verständlich zu schreiben, eingelöst wird. Das ist umso wichtiger, als damit auch allen Interessierten jenseits professioneller Herkunft die Möglichkeit eröffnet wird, sich mit dem Thema Psychiatrie auseinanderzusetzen. Dafür war das Lehrbuch von Anfang an ein gelungenes Vorbild, also zu Zeiten, als die Beteiligung von und der Dialog mit den Psychiatrie-Erfahrenen noch in den Kinderschuhen steckte.

Es wird auch in der Auseinandersetzung mit den Begriffen deutlich: Sprechen wir von »psychisch Kranken«, von »Psychiatrie-Erfahrenen« oder von »Patientinnen«? Anders als die üblichen Lehrbücher war es stets ein Anliegen der (ursprünglichen) Autoren, Psychiatrie verstehbar und nachvollziehbar darzustellen. Das schließt weitere Leserkreise wie z. B. die Angehörigen von Menschen mit psychischen Störungen mit ein. Aber auch über die Lebensspanne bleibt das Buch eine (lebens-)wichtige Begleitung. Es hilft den Studierenden wie den Berufsanfängerinnen wie den Erfahrenen. Der Bezug zur Praxis ist gewährleistet.

Gesellschaftlicher Kontext und philosophischer Diskurs

Er speist sich aus dem fortwährenden und (selbst-)kritischen Diskurs über die Einbindung der Psychiatrie in einen gesellschaftlichen Kontext sowie in einen philosophischen Diskurs. Hier mögen die Auseinandersetzungen in den 1970er Jahren eine prägende Rolle gespielt haben. Gerade am Titel wird die Spannbreite des Buches und seiner Intention deutlich: Es geht um die radikale Auseinandersetzung mit dem Menschsein und mit dem Menschlichen. So geht es unangestrengt von der Zunge: »Irren ist menschlich«. Es kann jeden von uns erfassen. Diese Erkenntnis ist schmerzlich und versöhnlich zugleich. Die Gliederung ist zweifelsohne ungewohnt, aber durch die Vorbemerkungen (Anlehnung an die Entwicklungsphasen im Leben) nachvollziehbar. Sie hat sich über die Jahrzehnte seit dem ersten Erscheinen im Jahr 1978 bewährt.

Die eine Autorin der Erstausgabe, Ursula Plog, lebt leider nicht mehr, der andere Autor, Klaus Dörner, ist als Rentner nicht mehr unmittelbar an der Basis des beruflichen Engagements tätig. Insofern fühlte er sich vermutlich berufen, das Werk an Jüngere weiterzureichen. Für die 24. Auflage hat sich nach etwa 400 000 verkauften Exemplaren ein sechsköpfiges Herausgeber- und Redaktionsteam gebildet, das mit der Unterstützung von weiteren 18 Autorinnen (»alle im erwerbsfähigen Alter, damit Psychiatrie aus der eigenen aktuellen Praxiserfahrung erzählt werden kann«, wie Klaus Dörner im Vorwort schreibt) die komplexe Materie zu bewältigen versucht. Das geht stets mit dem Risiko eines schriftstellerischen Gemischtwarenladens einher, kann aber auch von den individuellen Noten der Beteiligten profitieren.

Anlassbezogen lesen

Wer das Buch anlassbezogen zur Hand nimmt, um sich beispielsweise über Abhängigkeit und Sucht zu informieren, der kann ohne eine Vorinformation mit der Lektüre beginnen (in diesem Fall das Kapitel »Der sich und andere versuchende Mensch«). Dabei wird er zunächst mit dem Phänomen Sucht vertraut gemacht und durch die »Landschaft« geführt, die das Phänomen ausmacht. Es folgt eine »Versuchte Nähe von außen (Diagnose)«, in der »Begriffe der Abhängigkeit und Definitionen« erläutert werden. Dann folgen Kapitel, wie sie auch in einem Lehrbuch über Suchtmedizin zu finden sind, nämlich »Typen der Abhängigkeit«, hier im Einzelnen Alkoholabhängigkeit, Medikamentenabhängigkeit, Rauschmittelabhängigkeit und schließlich Nikotinabhängigkeit.

Daran anschließend folgt wiederum ein Kapitel, das den besonderen Charakter dieses Buches ausmacht: Mit der »Versuchten Nähe von innen (Selbstdiagnose)« wird der Versuch unternommen, Sucht durch Wahrnehmung und Beziehungsgestaltung zu verstehen (lernen). Natürlich werden auch die Möglichkeiten der Beratung und Therapie dargestellt, dabei auf eine eigene Weise, indem vom »Ort der Handlung« sowie von »Spielregeln« die Rede ist oder vom »Spielverlauf«, womit der Behandlungsverlauf gemeint ist. Nach »berufsbezogenen Schwerpunkten« endet das Kapitel mit zwei konventionellen Themen: Epidemiologie und Prävention.

Es bleibt nicht der Raum, um weiter in die Tiefe und in Details zu gehen. Es bleibt jedoch der tiefgehende Eindruck, dass sich dieses Lehrbuch lohnt, weil es prägt und begleitet, weil es aufrüttelt und beruhigt, weil es Kraft und Inspiration gibt.

Detlev E. Gagel in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 14.11.2017